Morgengeplauder – Gute Vorsätze

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Es ist Neujahr. Die Augen zu öffnen fällt leichter als sonst. In der Luft liegt diese Ruhe. Eine Ruhe, die so unendlich wirkt, weil sie sich irgendwann in der Nacht wie eine Decke über den gellenden Lärm der explodierenden Feuerwerkskörper und Glückwünsche rufenden Menschen gelegt hat. In warmen Socken schleiche ich durch das Haus. Es wirkt viel stiller als sonst. Teppiche und Wände scheinen jeden Laut zu dämmen, zu absorbieren. In der Luft hängt etwas geheimnisvolles, das nur daraus zu bestehen scheint, dass niemand die Schlafenden wecken möchte. Man muss schleichen. Gespannt schiele ich durch die Küchentür. Wer mag schon wach sein? Ob schon Kaffee da ist? Ich liebe die Morgen danach.

Das war schon immer so. Seit meiner Kindheit liebe ich auch die Morgen nach meinem Geburtstag. Die Geschenke liegen vom Vortag noch exakt dort, wo ich sie gelassen habe – glänzend, neu und nur darauf wartend, dass ich mit ihnen spiele. Die gute Laune hält noch bei der ganzen Familie an, der Alltag bleibt noch einen zweiten Tag lang fern. In der Küche stehen die übrig gebliebenen Teller mit Süßigkeiten, die ich am Vortag beim besten Willen einfach nicht aufessen konnte, und auch vom Kuchen und den leckeren Getränken ist noch reichlich im Kühlschrank. Es ist fast noch besser als der eigentliche Geburtstag selbst. An Weihnachten ist es nicht anders. Jeder hat über die Feiertage die Ruhe, sich ganz den neuen Büchern, Spielen oder dem guten Essen zu widmen. Selbst die Reste des Essen vom Vortag schmecken besser als sie es frisch zubereitet an einem normalen Tag getan hätten. Es ist magisch.

Ich schiele über meine Nase auf den Tassenboden, während der Kaffee schlückchenweise unter meine Oberlippe rinnt und verschwindet. So fließt die Zeit dahin und kommt nie wieder zurück, denke ich, verachte mich jedoch gleich wieder für diese Art von Gedanken und solch sentimentale Metaphern. So kannst du das Jahr nicht beginnen, dann ist direkt alles für die Katz! Es ist wichtig, sich noch einmal zu besinnen, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen, um es gebührend zu verabschieden. Am besten erinnert man sich dazu an die großen und kleinen Momente, an Glück und Trauer, an alle Menschen, die einen glücklich gemacht haben, aber auch an alle, die man selbst vielleicht unglücklich gemacht hat. Ich überlege einen Moment. Mir fällt meine treue Duschwanne ein, die jeden Tag das ganze eisige Wasser ertragen muss, bevor es dann warm wird und ich mich hinein traue. Danke, denke ich, für deine resistente Art, dieser Erniedrigung mit einem Lächeln und nur selten mit lebensgefährdender Glätte zu begegnen. So auch all die vielen Paar Socken, die ich nach dem Duschen jedes Mal verfluche, weil sie sich so schwer tun, meine noch feuchten Füße aufzunehmen. Dabei weiß ich eigentlich sehr gut, dass dieses morgendliche Problem meiner Eile und nicht ihrer Bosheit geschuldet ist. Entschuldigung Socken! Und, um bei den alltäglichen Ritualen und der goldmündigen Morgenstunde zu bleiben, möchte ich dem kleinen, schon längst erkalteten Rest an Kaffee danken, dass er sich jedes Mal ohne Murren wegkippen lässt. Dabei würde ich ihn doch trinken, wenn er noch warm wäre, ich vergesse ihn nur jedes Mal in meiner Hektik. Ein Ausdruck tiefster Reue und Betroffenheit gebührt meiner Gitarre, die ich so liebe und der ich im letzten Jahr wieder einmal so wenig körperliche Nähe und zärtliche Berührungen habe zukommen lassen, dass es mich schmerzt! Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, auch wenn du im ersten Moment sehr verstimmt wirkst.

Der Kaffee ist alle. Es ist ja auch genug gejammert und sich entschuldigt worden. Ich sollte mich auf das neue Jahr konzentrieren, auf gute Vorsätze und die richtige Motivation. Zum Beispiel wäre es ein sehr guter Vorsatz, sich weniger zu ärgern. Das ständige Aufregen kommt mir sonst im Alter noch einmal teuer zu stehen und außerdem lebt es sich fröhlich einfach besser. Ich spüre richtig, wie die positive Energie mich durchflutet. Kommt nur her, blöde Ameisen, die ihr glaubt, dass auf zwei Quadratkilometern sonnigen Parks und grüner Wiesen ausgerechnet mein Bauch der direkteste Weg nach Hause ist. Ihr werdet schon sehen. Oder ist das schon wieder zu viel Wut und Hass? Gute Vorsätze sind wahrscheinlich auch nicht der wahre Weg zum Glück. Man verbringt letztendlich doch nur mehr Zeit damit, sich zu grämen, dass man sie nicht eingehalten hat, als dass man sich über irgendeine Verbesserung freut.

Der Kaffee ist alle. Ich ärgere mich kein bisschen, habe keinen kalten Rest mehr in der Tasse. Ich werde Neuen kochen und auch den komplett leer trinken. Das neue Jahr scheint schon ein klein bisschen besser zu sein als das letzte. Toll!