Der Magier
von Silvia
Du sitzt auf dem Stuhl. Deine Hände sind auf dem Schoß verschränkt. Durch die blau-grauen Farbkleckse, die deine Pupille umspielen, blinzelt ein freundliches Licht. Jeder deiner Blicke und jeder Schimmer, der sich in deinen Augen spiegelt, hinterlässt ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das ich nicht fassen kann, weil es eine Geschichte verbirgt, die neunzig Jahre alt ist.
Hinter dir steht die Balkontür offen. Die Sonne entflammt die Häusersilhouette der ligurischen Küste und berieselt das Meer mit weißen Funken. Eine salzige, warme Brise spielt mit den Vorhängen und streift sanft über dein Gesicht. Du lächelst.
Seit meiner Kindheit hat in deiner kleinen Wohnung jeder Gegenstand seinen Platz. Die Vase auf der Mitte des Esstisches ruht auf ihrem bunten Strickdeckchen. Die vielen Familienfotos an der Wand sind mit den Bilderrahmen verschmolzen. Die Tagesdecke beschützt das Sofa und die Papst-Pius-Magneten verströmen ihre Heiligkeit im Takt des Kühlschranksurrens.
An deinen kleinen Füßen baumeln die grünen Filzhausschuhe, die mindestens genauso alt sind wie ich. Mit meterweise Faden hast du sie schon oft vor dem Verfall gerettet. Du hast es schon immer verstanden den Dingen, die dich umgeben, ein langes Leben zu schenken.
Ein Leben, das nur ein Magier den Dingen schenken kann.
Jedes Mal nach dem Abendessen, zaubertest du aus dem riesigen, klobigen, dunkelbraunen Wandschrank eine Süßigkeit.
Dieser Schrank war dein Zylinder. Wenn ich hineinschaute, fand ich nie etwas. Doch wenn deine Hände hineinfassten, erschien immer eine wundervolle, süße Kleinigkeit. Du überreichtest sie mir mit dem zwinkernden Blick eines großen Magiers, der sein Geheimnis nie verrät.
Selbst den Erwachsenen gelang es nie, den Zauber, der dich umgibt, zu durchschauen. Jedem, dem du deine Tricks verrietest, konnte es dir einfach nicht gleichtun.
Wie bei allem, was dich umgibt, zeigtest du jeder Zutat beim Kochen Dankbarkeit und Respekt und machtest sie so von einem Ding zu etwas Lebendigem.
Alles was du anschaust, beginnt zu leben und alles was du berührst, beginnt zu fühlen. Das Essen schmeckte dann immer so, als wollte es für uns das Beste sein, was es nur sein konnte. So als hätte es mit dir einen Pakt geschlossen, um uns glücklich zu machen.
Das Geheimnis, wie du mit den Dingen sprichst, wie du sie fühlen lässt und wie sie Gefühle verursachen, kennst nur du. Das Geheimnis eines großen Zauberers.
Was vom Essen übrig blieb, packtest du in eine kleine Plastiktüte für Mugli, deine Katze. Sie lebte jedoch nicht mit dir in deiner Wohnung, sondern du ließest sie ihre eigene Welt entdecken in den kleinen italienischen Gärten, die sich früchtebepackt die Berge runterhangeln.
Du hieltest meine Hand. Durch die verwinkelten Straßen und krummen Wege spazierten wir allmählich auf Muglis Boden. Ich war immer ganz aufgeregt, denn wenn du Mugli riefst, und er deine Stimme hörte, kam er immer ganz schnell angelaufen. „Mugli!“ Mein Blick suchte stürmisch nach etwas Grauem zwischen all dem Grün. „Dort!“ Mugli hüpfte majestätisch vom Olivenbaum und setzte sich vor uns hin. Jedes Mal, wenn ich ihn aus einer anderen Ecke springen sah, staunte ich. Denn du zaubertest nicht nur mit deinem Blick und deinen Händen, sondern auch mit deiner Stimme, die mit jeder Klangfacette sagt: „Ich bringe dich zum Staunen.“
Der Winter wurde durch dich immer ein wenig wärmer. Deine beiden Zauberstäbe dirigierten die Wolle in verschiedene Muster und die bunten Fäden verschlängelten sich auf eine Art und Weise, so dass ich bei jedem Schauen etwas Neues entdecken konnte.
Du sitzt auf deinem Stuhl. Du vor mir und ich vor dir. Wenige Sekunden und die Welt wird eine andere sein.
Du hast vergessen, wie die Dinge um dich herum heißen. Du hast deine Tricks vergessen.
Du bist der Magier, der sein Geheimnis nicht mehr weiß.
Deine Stricknadeln liegen bewegungslos auf dem Tisch. Du schaust sie an und zuckst mit den Schultern. Du greifst nach dem Schal, der über der Lehne hängt. Deine Finger suchen zwischen den einzelnen Knoten nach einer Erinnerung.
Ohne es zu wissen wurden wir Zeugen des größten Zaubers, den ein Magier je vollbracht hat. Mein kleines rotes- und dein grobes, blaues Wollknäuel sitzen nebeneinander. Masche für Masche gleitet deine Kraft in die Stäbe. Mit kleinen Schritten, viel Geduld und Anstrengung bekommst du, der große Magier, dein Zwinkern zurück.
Das größte Zauberstück ist nicht etwas verschwinden zu lassen, sondern es wieder hervorzuzaubern.
Du lächelst, denn wie immer hast du dein Publikum zum Staunen gebracht, und diesmal auch dich selbst.
Der Magier hat die Enkelin verzaubert.
Super dargestellt.
Sehr tiefgreifend
Einfach zauberhaft! Sehr ergreifend und liebevoll mit einer großen Wertschätzung des Alters.
Schön spürbare Stimmung.
Wirklich einfühlsam geschrieben!