Tassenprostitution
von Fiona
Vor mir der Kaffee. Stumpf ruht die Tasse auf dem Tisch, gleichgültig gegenüber den Lippen, die sich schon an das kalte Porzellan gepresst haben, dürstend, schlürfend, gierig saugend. Der schmale Henkel scheint abgenutzt, der Glanz von tausenden reinigenden Spülbädern kann mich nicht täuschen: Wie unter Glas sehe ich die einander überlagernden Fingerspuren. Durstige Menschen, abwesende Menschen, Zeitung lesende Menschen – wie aus Gewohnheit tranken sie alle schon aus dieser einen Tasse, als gehöre sie ihnen allein. Im nüchternen Licht des kleinen Cafés sehe ich hunderte unsichtbare Hände nach meiner Tasse greifen.
Ich werde nervös, zünde mir eine Zigarette an. Blicke umher, als warte ich darauf, dass jemand anderes aus meiner Tasse trinkt. Ich kann es nicht mehr, nicht ein besitzergreifender Blick, die Hände starr auf dem Schoß verschränkt. Ich schaue so beiläufig, dass jeder sehen kann, dass die Tasse nicht zu mir gehört, nie gehört hat, sie steht nur zufällig hier. Vergessen, stehen gelassen mit einem Rest kalten Kaffees. Hier sitze ich also, auf geliehenen Stühlen, mit einer geliehenen Tasse voll von geliehenem Kaffee, den ich auf der geliehen Toilette wieder auspissen werde.
Ich bin in ein Café gegangen, um mir Zeit zu leihen. Ich habe dafür bezahlt, 1,50 Euro, mich bei der Kassiererin bedankt und die Tasse genommen, mit beiden Händen. Habe dafür bezahlt, für die Dauer eines Morgenrituals so zu tun, als wäre sie mein Besitz. Ich schaue auf die blassgelben Wände, die vollgestellte Theke, den blank gewischten Boden. Eine kleine Kellnerin eilt durch den Raum. Durch die melancholische Musik, aus flachen Metallboxen gepresst, höre ich das Schlürfen aus einem Dutzend Münder, Geraschel und das Geklapper von Geschirr aus der kleinen Küche. Dort werden sie also präpariert, für ihren nächsten Einsatz, denke ich in einem Anflug von Bitterkeit. Ein verzweifelter Blick über meine Tasse hinweg zum Nebentisch. Ein junges Pärchen sitzt dort, geradewegs aus dem Bett dort niedergelassen und wirft sich muntere Wortfetzen zu. Ihre Tassen halten sie vor sich wie ein Beweisstück, immer in Mundnähe, mit beiden Händen umklammert, als könnte sie ihnen jemand wegnehmen. Wie selbstverständlich sie ihren Besitz ergreifen!, denke ich, gemietetes Porzellan, die Lippen genau am Tassenrand anlegend, dem von den Herstellern so vorgesehenen Rand. Trink! Rufen munter die umklammernden Hände, Trink! Schallt es aus den metallernen Lautsprechern. Die Tassen schweigen teilnahmslos.
Ich werde ärgerlich. Die Asche fällt ungesehen zu Boden. Ich starre auf die Bedienung, wie sie sich vor und zurück beugt, lächelnd und nickend und nett, mit vollen Händen die Tassen ausgebend. Ein Geldstück als Pfand für den Genuss, in sorgsam abgesteckten Ecken stapelt sich unbeachtet das verbrauchte Geschirr. Tassenprostitution, denke ich düster. Mein eigener Tisch unter meinen eigenen Händen, kaum erkennbar, fest die dürre Zigarette umklammernd. Dort steht sie, die polierte, brütende Tasse und, als habe sie nur darauf gewartet, erreicht mich ein herrlicher Kaffeeduft. Du willst es doch auch, säuselt der Duft. Die Kaffeemaschine brummt ohne Unterlass. Die Tasse vor mir schweigt. Was tun? Die Zeitung aufschlagen, das kalte Porzellan küssen, den Kaffee wieder auspissen gehen? Trink, trink, trink…Schlürfen, klappern, guten Tag, bitte schön, der Kaffee… Die Atmosphäre verdichtet sich. Dann ein Knallen am Nebentisch. Ich zucke zusammen. Ein Geschäftsmann thront dort, in einem Ernst von Anzug, die Krawatte hängt mutlos über dem Bäuchlein, das Zeitungsblatt wellt sich schon unter dem Nachdruck des Blickes. Der Arm mit dem zu kurzen Ärmel reicht über den ganzen Tisch, bestimmt, zielstrebig, auswegslos hat die Hand den Zuckerstreuer ergriffen – und nun, mit der Grausamkeit des Gleichgültigen ergießt sich Welle um Welle in die dickbäuchige Tasse. Kleine Fäden von Zucker rotten sich am Henkel zusammen, wie Spuckefäden zittern sie leicht… und nun der Löffel. Die ganze Tasse erbebt von der Wucht des Aufpralls, ein verzagtes Klingen ertönt, langsam sammelt sich eine Kaffeelache auf der Untertasse, wässrig-braun, wie geronnenes Blut. Ich bin fasziniert und entsetzt, eine ganz neue Dimension von Missbrauch droht plötzlich hinter der morgendlichen Munterkeit des kleinen Cafés. Hunderte Male malträtiert, begossen, ergriffen, begehrt, fallen gelassen, weggestellt, gesäubert, benutzt. Von Kaffeebegehren gekennzeichnet und wieder fallen gelassen, bedeutungslos ohne Inhalt, kaltes, empfangendes Porzellan, zu reinem Missbrauch hergestellt.Ohne Sinn, ohne eigenen Ort. Eine Tasse.
In einem Anflug von Wahn schmeiße ich alle Bedenken von mir, ich springe auf, der Stuhl fällt um, renne durch die Tische zur Theke, schubse die Kassiererin beiseite, befinde mich plötzlich unter Tassen, aufgereiht in Regalen, endlose Porzellanreihen, renne weiter in die Küche, tropfend und fleckig stapeln sie sich dort, übereinander in einem wirren Haufen, verkriechen sich in die Spülbehälter. Das Spülmädchen stößt einen Schrei aus, Schaum fliegt auf, als ich sie mit vollen Händen ergreife, mir in wilder hast die Tassen auflade. Die Arme voller Porzellan, schmutzigem und sauberen, voller blinder und stummer Tassen, teilnahmslos selbst gegenüber ihrem Retter, ergreife ich die Flucht. Fliehen, auf die Straße, in einen Garten, in eine andere Welt, hin zu weiten Feldern möchte ich, zu einfachen Bauernhäusern, den Tassen die Freiheit schenken, ein Zuhause geben, für jede Tasse eine liebevolle Hand, einen einzigen Mund, eine Welt voller glücklicher Tassen in der Geborgenheit eines sinnvollen Lebens…..¡Viva la revolución!
Aber ich tue es nicht. Nichts von alledem. Ich sitze hier und starre auf meine einsame, kleine Tasse mit dem nun schon etwas kühlem Kaffee. Arme Tasse. Ich liebe Kaffee, aber ich liebe sie nicht. Würde man Kaffee aus der Luft schlürfen können, ich würde es mit Freuden tun.
Meine Hand hält immer noch den traurigen Zigarettenstummel. Langsam komme ich wieder zu Sinnen. Besitz?, denke ich nun und lächle über meinen absurden Gedanken. Langsam drücke ich meine gemietete Zigarette in dem gemieteten Aschenbecher aus. Streiche mir über mein gemietetes Jackett, schaue auf meine gemietete Armbanduhr und merke, dass meine gemietete Zeit fast um ist. Ich schaue zur gemieteten Kassiererin, die für gemietetes Geld gemietete Tassen ausgibt, dann noch einmal nach links zu dem gemieteten Geschäftsmann im gemieteten Anzug, der in die gemieteten Nachrichten vertieft ist. Dann stehe ich vorsichtig auf, nicht ohne Würde, recke mich ein wenig – und endlich, endlich ergreife ich vorsichtig meine gemietete Tasse am abgenutzten Griff und führe sie sanft zum Mund, setze genau am Tassenrand an, an dem vom Hersteller so vorgesehenen Rand, mit verständnisvollen Lippen. Nie hat mir der gemietete Kaffee so gut geschmeckt.
An diesem Freitagmorgen verlässt ein gemieteter Körper ein gemietetes Café – aber mit einem echten, glücklichen Lächeln auf den kaffeewarmen Lippen.
Mein Montagmorgen ist gerettet ;-)
xD ohne Worte
Sehr schön! Ich habe laut gelacht! Und bin verdammt froh, dass ich meine eigene Lieblingstasse habe, an die keine fremden Lippen kommen! BAAAM!