Die Spur
von Silvia
An der Haltestelle kontrolliere ich mit nervösen Blicken den Inhalt meiner Tasche. Habe ich auch wirklich alles dabei, was ich brauche? Das Wichtigste wartet in einem kleinen Reißverschlussfach auf seinen Einsatz.
Ich nehme Platz auf den alten, grün gepolsterten Ledersitzen. Die Bahn fährt holprig und ruckelig den Weg in meine Zukunft. Die Regentropfen zittern über die verkratzten Scheiben und fließen ineinander, um sich dann doch wieder zu trennen. Widerspenstig ist die Luft zum Atmen. Gewichtig und trotzig presst sie sich auf meine Brust.
Die Zeit ist abgeblättert und nun ist die Uhr nicht mehr zu erkennen. So lange konnte ich auf Auswegen wandern, um diese Situation zu verhindern. Die Klinke meines Hintertürchens ist abgebrochen und der Backsteinboden meines Auswegs ist mit den verstrichenen Monaten löchrig geworden. Meine Beine drücken meinen Körper hoch. Die roten Backsteine fallen in einer großen Welle ins Nichts hinein. Nun stehe ich auf dem Boden der Realität.
Aus den Fenstern der kleinen, urigen Kneipen der Altstadt tropfen bunte Lichtflecken. Stimmen fliegen über die Straße und verschwinden zwischen all den Schritten. Wie Geschichten auf zwei Beinen folgen die Fußgänger dem Ort, der bereits in ihrem Kopf ist. Der Ort, der in der Zukunft spielt und ihre Augen zügelt. Sie laufen durch das Weltgeflüster, ohne ihm ein Ohr zu schenken. Sie jagen durch die Zeit, und fangen sich selbst. Ihr Gepäck ist voller Möglichkeiten, die nicht möglich sind.
Sie setzen Fuß an Fuß ohne zu wissen, dass sie eine Spur hinterlassen, eine Spur, die flüstert.
Ich fühle den buckligen Boden unter mir. Ganz und gar zufällig, ja fast schon wild sind die Steine mit dem Zement verwachsen. Sie haben viele Menschen gesehen. Waren mal Zeugen, mal Zuschauer. Mal waren sie Halt, mal stellten sie sich tückisch, sie lösten sich auf, waren mal Weg, mal Schicksal, mal Auge, mal Freund, mal Fremder, mal waren sie unsichtbar.
Wir sitzen uns an einem verbeulten Tisch gegenüber. Ein Kellner stellt das Bier auf die unebene Platte und schlappt gleichgültig zurück zur Theke. Du schaust auf die vielen Kratzer und Inschriften im Holz. Deine Lippen sind fest aufeinander gepresst. Du blickst auf, ohne deinen Kopf zu heben.
Dein Mund beginnt Worte zu formen. Durch dein undurchdringbares Antlitz schlägt nur ein penetrantes Rauschen zu mir. Doch es ist egal was du sagst, denn ich wusste es bereits, als ich meine Taschentücher beim Zumachen meines Reißverschlusses auf diesen Moment warten ließ.
Obwohl ich nicht höre was du sprichst, spüre ich, wie deine Buchstaben mich erwürgen. Dich hier zu sehen, in ein Gesicht zu blicken, das ich nicht mehr kenne, lässt mich um ein Gleichgewicht ringen, das ich schon längst nicht mehr habe. Doch ich verliere, denn dein Blick schubst mich gewaltig und ich falle.
Ich falle in mich hinein. Ich falle in einen Raum, in dem sich die Luft nicht atmen lässt. In dem alles schwindelt und sich die Umrisse weigern stehen zu bleiben. Ein Raum, in dem mich die Schwerkraft zu Boden drückt und meine Gedanken ohnmächtig werden. Ein Raum, in dem meine Wünsche in den Rissen versickern und meine Wangen hinunterlaufen. Ich bin in mir verloren. Der Raum wird immer enger und schließlich bin ich in mir verschwunden. Mein Herz schlägt, es schlägt mich. Du schaust mich an, du schaust nichts an.
Meine Finger krallen sich mit letzter Kraft an den Tisch. Ein tiefer Kratzer bohrt sich in das Holz. Mein Körper steht auf und geht.
Der Tisch bleibt zurück, unverabschiedet von dem Besucher, der seine Gastfreundschaft nicht zu würdigen weiß. Von dem Reisenden, der nicht einmal weiß, dass er Gast sein durfte.
Ein Ehepaar setzt sich lachend an einen Tisch in einer kleinen Kneipe in der Altstadt. Auf diesem Tisch ist eine Narbe, die eine Geschichte flüstert. Diese Geschichte ist stumm und doch mächtig an Wissen.
Im Mülleimer sitzt ein triefendes Taschentuch, über das der Kellner zerfetzte Bierdeckel schmeißt. Der Spiegel hat ein verzweifeltes Gesicht gesehen. Das Waschbecken hat eine zittrige Hand gespürt. Das Bierglas hat ungeküsste Lippen berührt. Der Stuhl hat einen leblosen Körper getragen. Sie flüstern, die Stimmen, doch sie sind heiser geworden, weil die Menschen ihnen nicht zuhören.
Ich öffne meine Augen. Inzwischen sind die Regentropfen getrocknet und die Sonne quillt durch die matten Scheiben der Bahn. Ohne es geahnt zu haben, hat mich meine Spur erneut Heim gesucht. Durch eine Zeitspalte dringt sie aus vergangenen Zeiten und aus vergangen Orten zu mir. Sie nimmt mich mit auf eine Reise durch Winkel meines Lebens, die mir bisher verborgen blieben, weil meine Augen durch eine Schablone sahen, weil meine Ohren Frequenzen ausblendeten und weil ich nur dem Ort in meinem Kopf folgte, der in der Zukunft spielte, ohne auch nur für einen Moment richtig da gewesen zu sein.
Tief in meine Erinnerung hineingezogen, stellt mich meine Spur vor einen Spiegel. Ich sehe das verzweifelte Gesicht, das der Spiegel in der Kneipe damals sah, und ich sehe mein Gesicht von heute.
Ich beginne mich zu begreifen, ohne mich jemals ganz zu verstehen.
Meine Finger gleiten in die Tasche und öffnen den Reißverschluss. Diesmal werden keine zerflossenen Träume getrocknet. Ich greife nach einem Ticket, das den Weg in meine Zukunft einlöst. Eine Zukunft, die ihre Spuren hinterlassen wird.
Schöön! Man sinkt immer tiefer in die Geschichte rein. Immer dichter werden die Gedanken. Wirklich eine schöne Reise!
Großartig.
Ich kann mich den anderen hier anschließen. Wirklich sehr gut geschrieben, feinfühlig und tiefgründig.
Mir gefallen besonders die Metaphern sehr. Sie geben dem Ganzen noch mehr Lebendigkeit, vor allem Tiefe. So eine Verbildlichung ist immer sehr schön in Texten, finde ich und Bilder wecken in mir schnell und intensiv Gefühle und Gedanken hervor. Außerdem laden sie auch zum Interpretieren ein.
Zum Beispiel erkenne ich hier, so etwas, wie “Selbstfindung”, bzw. den Weg zu sich selbst, besonders durch die Reize von Außen, (wie auch von Innen) werden plötzlich auftretenden Gefühle sichtbar.
Sich selbst zu finden ist letztlich ein lebenslanger Prozess…
Nun gut, ich wollte nur kurz schreiben! :)
Schön geschrieben!