Blog14

Die Magie des Alltags.

Kurzgeschichten

Globetrotter

Der Globus streckt seinen Arm in die Höhe. Dort, zwischen Zeigefinger und Daumen, baumelst du und wartest auf dein Leben. Du wagst den Sprung in die Menschlichkeit und mit dir wird eine neue Welt geboren. Du landest auf der Grenze zwischen hier und dort. Auf dem Boden, wo keine Wurzeln wachsen. Zwischen Eingeboren und vom Storch verloren. Zwischen Identität und Undefinierbarkeit[...]

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Die Seiltänzerin

Nahe den Wolken wird ein Seil über den Dächern der Stadt gespannt. Mit einem weißen Schirm bewaffnet, um sichere Balance zu halten, setzt die Seiltänzerin filigran und bedacht einen Fuß vor den anderen, stets in Richtung Horizont. Jede einzelne ihrer Bewegungen nimmt sie bewusst wahr. Ihr Körper ist unbefangen und gleichzeitig voller Spannung. In der frischen Höhe, mit dem sachten Säuseln des Windes in den Ohren, sind ihre Sinne geschärft; sie spürt, dass sie lebt.
Beseelt von einer heiteren Leichtigkeit genießt sie den Ausblick auf die Stadt. Ihre Neugier lenkt ihren Blick auf eine breite, bunte Straße voller Treiben. Die Seiltänzerin setzt ihren Fuß sorgfältig auf dem Seil ab und hält an. Fasziniert beobachtet sie aufmerksam das verrückte Geschehen, das sich unter ihr abspielt[...]

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Die Spur

An der Haltestelle kontrolliere ich mit nervösen Blicken den Inhalt meiner Tasche. Habe ich auch wirklich alles dabei, was ich brauche? Das Wichtigste wartet in einem kleinen Reißverschlussfach auf seinen Einsatz. Ich nehme Platz auf den alten, grün gepolsterten Ledersitzen. Die Bahn fährt holprig und ruckelig den Weg in meine Zukunft. Die Regentropfen zittern über [...]

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Tassenprostitution

Vor mir der Kaffee. Stumpf ruht die Tasse auf dem Tisch, gleichgültig gegenüber den Lippen, die sich schon an das kalte Porzellan gepresst haben, dürstend, schlürfend, gierig saugend. Der schmale Henkel scheint abgenutzt, der Glanz von tausenden reinigenden Spülbädern kann mich nicht täuschen: Wie unter Glas sehe ich die einander überlagernden Fingerspuren. Durstige Menschen, abwesende Menschen, Zeitung lesende Menschen – wie aus Gewohnheit tranken sie alle schon aus dieser einen Tasse, als gehöre sie ihnen allein. Im nüchternen Licht des kleinen Cafés sehe ich hunderte unsichtbare Hände nach meiner Tasse greifen.
Ich werde nervös, zünde mir eine Zigarette an.[...]

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Der Magier

Du sitzt auf dem Stuhl. Deine Hände sind auf dem Schoß verschränkt. Durch die blau-grauen Farbkleckse, die deine Pupille umspielen, blinzelt ein freundliches Licht. Jeder deiner Blicke und jeder Schimmer, der sich in deinen Augen spiegelt, hinterlässt ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das ich nicht fassen kann, weil es eine Geschichte verbirgt, die neunzig Jahre alt ist.
Hinter dir steht die Balkontür offen. Die Sonne entflammt die Häusersilhouette der ligurischen Küste und berieselt das Meer mit weißen Funken. Eine salzige, warme Brise spielt mit den Vorhängen und streift sanft über dein Gesicht. Du lächelst.
Seit meiner Kindheit hat in deiner kleinen Wohnung jeder Gegenstand seinen Platz. Die Vase auf der Mitte des Esstisches ruht auf ihrem bunten Strickdeckchen. Die vielen Familienfotos an der Wand sind mit den Bilderrahmen verschmolzen. Die Tagesdecke beschützt das Sofa und die Papst-Pius-Magneten verströmen ihre Heiligkeit im Takt des Kühlschranksurrens[...]

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Kulturreise

Deine Schritte gleiten über den Boden, als wollten sie ihn schützen. Du willst alles abdecken, mit deinen Füßen, deiner Haut, überall dort deine Stimme erheben, wo etwas von unten heraufdringen könnte. Doch nun erreichst du den Treppenabsatz. Deine Fußspitze schwebt in der Luft, kurz vor der ersten Stufe, sie bleibt an deinem Zögern kleben. Willst du sprechen? Du könntest die Welt umlaufen mit deinen Schritten, die Länder wie Zimmer betreten, Kulturen wie Möbelstücke bestaunen und hier und da ein wenig Armut abwischen. Einen Gedanken zurechtrücken. Blumen aufstellen. Deinen Prospekt herausholen und die Einrichtung vergleichen. Vielleicht eine Bemerkung an den Rand kritzeln, nur eine winzige Notiz: Hell, würde dort stehen. Oder: Durchgangszimmer.

Deine Hände zittern, als wäre dir plötzlich kalt geworden. Die eine hat schon das Geländer ergriffen[...]

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Discounterparanoia

Fröhlich pfeifend gehe ich meines Weges zum Supermarkt. Die Feiertage liegen in diesem Jahr besonders günstig, so dass ein langes, sonniges Wochenende auf mich wartet. Während ich über den flimmernden Asphalt der Straßen schlendere, male ich mir bereits aus, wie ich im Garten sitze. Die Holzkohle glüht und es ist keine schwarze Stelle mehr zu sehen. Das eingekaufte Fleisch und die Maiskolben grillen fröhlich darüber auf dem Rost. Im Kühlschrank liegt ein Six-Pack Bier, das nur darauf wartet, getrunken zu werden. Nackensteaks und Bier – Nektar und Ambrosia für Nicht-Götter. Doch zunächst muss ich meine Aufgabe erfüllen. Holzkohle und Fleisch müssen noch besorgt werden. Das Bier, präziser das Pils, liegt bereits seit einigen Stunden im Kühlschrank. Nur so erreicht es die perfekte Trinktemperatur. Zwischen fünf und sieben Grad. Wärmer schmeckt es wie Jauche und kälter kann es seine wahren Geschmack nicht entfalten. Als Student ist man halt Bier- und nicht Scotch- oder Weinkenner[...]

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