Blog14

Die Magie des Alltags.

Kurzgeschichten

Ganz weit weg

Die Bäume und Sträucher rasen am Fenster vorbei. Sie beginnen zu verschmelzen, zu fusionieren, sich zu vereinen, wie bei einem impressionistischen Bild. Vor meinen Augen entstehen grün-braune Farbkleckse. Doch ich sehe sie nicht an, nicht an ihnen vorbei. Ich starre durch sie hindurch, sie betreffen mich nicht, gehen mich nichts an. Ich blicke weit weg. Hinter die nächtlichen Schatten der Häuser und Gebäude, die am Rand der Schienen stehen. Sehe einen anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Ferne[...]

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Stadtgeflüster

In der Mitte des Marktplatzes steht die Statue in ihrer ewigen Pose gebannt. Unendlich nachdenkend über das, was sie sagen will. Ewig blickend, nach passenden Worten suchend, bleibt sie stumm. Als würde sie nur auf den Augenblick warten, auf den perfekten Augenblick, in dem ihre Worte passen. Doch stattdessen schweigt sie für immer.
Ganz selten, da kommt es jedoch vor, dass Menschen für einen winzig kleinen Moment, für einen Wimpernschlag, ein Herzpochen, das Gefühl haben, dass sie sich bewegt hat [...]

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Die andere Seite des Spiegels

In langen Fluren schluckt nackter Boden seine Schritte. Die Stille schmiegt sich an die Wände, in dicken, staubigen Schichten. Das Schweigen ist schon so alt geworden, dass es die kalten Mauern zusammenhält. Er ist nicht groß. In den Gängen kleben seine Füße eng aneinander, bewegen sich vorsichtig, als wollten sie sich nicht verlieren. Seine Hände reichen kaum die Mauern hinauf, die vom Schweigen vertrockneten Steine, reichen kaum bis an die großen Gemälde, die mit Gold behängt Gestalten umzäunen, große und verzerrte Gestalten in merkwürdig dunklen Gewändern, die sich über den Gang hinweg ernst anblicken. Seine Fingerspitzen berühren fast den rauhen Rahmen, manchmal, wenn er sich anstrengt, doch die Blicke über ihm sind für ihn auf ewig unerreichbar[...]

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Am Fluss

Sie fällt. Mal gerade hinab, dann gefangen vom Wind, stolz empor gehoben und sanft getragen durch die Lüfte. Dann wieder hinab. Fällt, fliegt, bis sie schließlich auf deinen Haaren landet. Noch einen Moment verweilt sie. Ein Moment voll Ruhm, als strahlender Eiskristall, die kleinen, gläsernen Äste starr gestreckt. Ein Augenblick für die Welt, die nicht hinsieht. Zeig dich! Und sie zeigt sich, zeigt sich für einen Moment perfekt! Verharrt, einen Wimpernschlag lang, so fein gefertigt in unendlicher Geduld von Niemandem. Noch einen Moment verweilt sie, bis sie schmilzt. Verweilt, bis sie langsam unsichtbar wird und in der kalten Nachtluft verschwindet. Die Äste werden dünner und entfliehen in der Dunkelheit.

Du bekommst es nicht mit, atmest sanft einen dünnen Nebel Richtung Sterne und schaust gerade aus[...]

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MeKuWiLand Utopia

Wollten Sie schon immer hinter den Spiegel ins Un- und Unterbewusste reisen? Willkommen an Bord der „MS Heterotopie“ auf Expeditionskreuzfahrt nach Mekuwiland Utopia. Entscheiden Sie sich für die rote Pille, klettern Sie in den Kaninchenbau und erfahren Dinge über sich selbst und die Welt in der wir leben, die Sie nicht zu träumen gewagt hätten. Treffen Sie auf die phantasmatischen Gestalten, die dieses Wunderland bevölkern und lassen Sie sich von ihnen verzaubern, erschrecken und zum Staunen bringen. Ihre Subjektgrenzen werden sich auflösen und Sie werden sich von einer festen, fertigen Entität in einen wandlungsfähigen, unstrukturierten Prozess transformieren.

Eine Fahrt mit der MS Heterotopie ist ein synästhetisches Abenteuer[...]

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Globetrotter

Der Globus streckt seinen Arm in die Höhe. Dort, zwischen Zeigefinger und Daumen, baumelst du und wartest auf dein Leben. Du wagst den Sprung in die Menschlichkeit und mit dir wird eine neue Welt geboren. Du landest auf der Grenze zwischen hier und dort. Auf dem Boden, wo keine Wurzeln wachsen. Zwischen Eingeboren und vom Storch verloren. Zwischen Identität und Undefinierbarkeit[...]

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Die Seiltänzerin

Nahe den Wolken wird ein Seil über den Dächern der Stadt gespannt. Mit einem weißen Schirm bewaffnet, um sichere Balance zu halten, setzt die Seiltänzerin filigran und bedacht einen Fuß vor den anderen, stets in Richtung Horizont. Jede einzelne ihrer Bewegungen nimmt sie bewusst wahr. Ihr Körper ist unbefangen und gleichzeitig voller Spannung. In der frischen Höhe, mit dem sachten Säuseln des Windes in den Ohren, sind ihre Sinne geschärft; sie spürt, dass sie lebt.
Beseelt von einer heiteren Leichtigkeit genießt sie den Ausblick auf die Stadt. Ihre Neugier lenkt ihren Blick auf eine breite, bunte Straße voller Treiben. Die Seiltänzerin setzt ihren Fuß sorgfältig auf dem Seil ab und hält an. Fasziniert beobachtet sie aufmerksam das verrückte Geschehen, das sich unter ihr abspielt[...]

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Die Spur

An der Haltestelle kontrolliere ich mit nervösen Blicken den Inhalt meiner Tasche. Habe ich auch wirklich alles dabei, was ich brauche? Das Wichtigste wartet in einem kleinen Reißverschlussfach auf seinen Einsatz. Ich nehme Platz auf den alten, grün gepolsterten Ledersitzen. Die Bahn fährt holprig und ruckelig den Weg in meine Zukunft. Die Regentropfen zittern über [...]

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Tassenprostitution

Vor mir der Kaffee. Stumpf ruht die Tasse auf dem Tisch, gleichgültig gegenüber den Lippen, die sich schon an das kalte Porzellan gepresst haben, dürstend, schlürfend, gierig saugend. Der schmale Henkel scheint abgenutzt, der Glanz von tausenden reinigenden Spülbädern kann mich nicht täuschen: Wie unter Glas sehe ich die einander überlagernden Fingerspuren. Durstige Menschen, abwesende Menschen, Zeitung lesende Menschen – wie aus Gewohnheit tranken sie alle schon aus dieser einen Tasse, als gehöre sie ihnen allein. Im nüchternen Licht des kleinen Cafés sehe ich hunderte unsichtbare Hände nach meiner Tasse greifen.
Ich werde nervös, zünde mir eine Zigarette an.[...]

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Der Magier

Du sitzt auf dem Stuhl. Deine Hände sind auf dem Schoß verschränkt. Durch die blau-grauen Farbkleckse, die deine Pupille umspielen, blinzelt ein freundliches Licht. Jeder deiner Blicke und jeder Schimmer, der sich in deinen Augen spiegelt, hinterlässt ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das ich nicht fassen kann, weil es eine Geschichte verbirgt, die neunzig Jahre alt ist.
Hinter dir steht die Balkontür offen. Die Sonne entflammt die Häusersilhouette der ligurischen Küste und berieselt das Meer mit weißen Funken. Eine salzige, warme Brise spielt mit den Vorhängen und streift sanft über dein Gesicht. Du lächelst.
Seit meiner Kindheit hat in deiner kleinen Wohnung jeder Gegenstand seinen Platz. Die Vase auf der Mitte des Esstisches ruht auf ihrem bunten Strickdeckchen. Die vielen Familienfotos an der Wand sind mit den Bilderrahmen verschmolzen. Die Tagesdecke beschützt das Sofa und die Papst-Pius-Magneten verströmen ihre Heiligkeit im Takt des Kühlschranksurrens[...]

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