Blog14

Die Magie des Alltags.

Fiona

Die andere Seite des Spiegels

In langen Fluren schluckt nackter Boden seine Schritte. Die Stille schmiegt sich an die Wände, in dicken, staubigen Schichten. Das Schweigen ist schon so alt geworden, dass es die kalten Mauern zusammenhält. Er ist nicht groß. In den Gängen kleben seine Füße eng aneinander, bewegen sich vorsichtig, als wollten sie sich nicht verlieren. Seine Hände reichen kaum die Mauern hinauf, die vom Schweigen vertrockneten Steine, reichen kaum bis an die großen Gemälde, die mit Gold behängt Gestalten umzäunen, große und verzerrte Gestalten in merkwürdig dunklen Gewändern, die sich über den Gang hinweg ernst anblicken. Seine Fingerspitzen berühren fast den rauhen Rahmen, manchmal, wenn er sich anstrengt, doch die Blicke über ihm sind für ihn auf ewig unerreichbar[...]

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Das Sichtbare an Dir

Ich suche etwas sichtbares an dir. Versuche mich an einem Blick, der nicht immer genau das verdeckt, was ich sehen will. Ich male diesen Blick, in allen noch nicht geborenen Farben. Ich lausche ihm nach in der Stille ungesagter Wörter, ich schreibe ihn blind und zitternd auf Papier. Ich müsste blind werden, um sehen zu können, immer neu blind werden, so, wie man wunschlos sein muss, um wirklich wünschen zu können, um selbst in einem Wunsch geboren zu sein, Kaskade auf Kaskade fallend, wünschend, zu wachsen. Wunschlos, blind. So muss ich erst blind werden, um das Sichtbarste an dir sehen zu können.
Im stillen Erstaunen starre ich auf deine schwingenden Formen[...]

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Das Verschwinden der Welt

Die Welt ist mir vor die Füße gefallen. Einfach so.
Ich ging durch die Straßen und der Wind brachte noch die letzten Überreste der Nacht, in halbdunklen Wellen wehte sie über den Gehsteig, als wüsste sie nicht mehr, wo sie hingehörte. Die Straßenlaternen flackerten unsicher durch das Dämmerlicht, nicht sicher, ob sie dem anbrechenden Tag vertrauen konnten[...]

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Tassenprostitution

Vor mir der Kaffee. Stumpf ruht die Tasse auf dem Tisch, gleichgültig gegenüber den Lippen, die sich schon an das kalte Porzellan gepresst haben, dürstend, schlürfend, gierig saugend. Der schmale Henkel scheint abgenutzt, der Glanz von tausenden reinigenden Spülbädern kann mich nicht täuschen: Wie unter Glas sehe ich die einander überlagernden Fingerspuren. Durstige Menschen, abwesende Menschen, Zeitung lesende Menschen – wie aus Gewohnheit tranken sie alle schon aus dieser einen Tasse, als gehöre sie ihnen allein. Im nüchternen Licht des kleinen Cafés sehe ich hunderte unsichtbare Hände nach meiner Tasse greifen.
Ich werde nervös, zünde mir eine Zigarette an.[...]

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Heimatlos

Es ist ein warmer, sonniger Frühlingstag. Viele Menschen drängen sich durch die Düsseldorfer Innenstadt, Eis essend, die Einkaufstüten schwenkend, lachend, redend. Etwas am Rande, an einer Hausfassade, steht ein Mann mittleren Alters und preist unermüdlich seine Zeitung an. Er sieht fröhlich aus, reckt den Arm in die Höhe und ruft Sprüche wie ein Marktschreier: „Holen sie sich jetzt die neuste Ausgabe! Nicht drängeln, es ist genug für alle da. Bitte jetzt an Kasse eins anstellen!“ Manchen kann er ein Lächeln entlocken, die meisten aber gehen abgewandt vorüber. Ein Blick auf den Titel der Zeitung „Fifty-Fifty“ reicht meistens aus, um unangenehme Gedanken an Obdachlosigkeit und Armut zu erzeugen. Dabei will er gar kein Mitleid. Er ist kein Bettler. Er will nur etwas verkaufen, um zu leben, wie viele andere auch. Meist bekommt er selbst ein schlechtes Gewissen, wenn eine Rentnerin ihre letzten Münzen für ihn herauskramt. Fast jeden Tag steht er da, das Geld vom Staat reicht nicht aus und er muss seine Schulden abbezahlen. Oft bekommt er dabei böse Blicke, wird beschimpft oder gar bespuckt, aber dennoch versucht er, das Beste aus seiner Arbeit zu machen, den Menschen ein Lächeln zu entlocken und Spaß dabei zu haben. Es könnte schlimmer sein. Er ist froh über jeden Euro, über seine Wohnung vom Sozialdienst für katholische Männer, froh über das Café „Shelters“, indem der Kaffee nur 80 Cent kostet[...]

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Kulturreise

Deine Schritte gleiten über den Boden, als wollten sie ihn schützen. Du willst alles abdecken, mit deinen Füßen, deiner Haut, überall dort deine Stimme erheben, wo etwas von unten heraufdringen könnte. Doch nun erreichst du den Treppenabsatz. Deine Fußspitze schwebt in der Luft, kurz vor der ersten Stufe, sie bleibt an deinem Zögern kleben. Willst du sprechen? Du könntest die Welt umlaufen mit deinen Schritten, die Länder wie Zimmer betreten, Kulturen wie Möbelstücke bestaunen und hier und da ein wenig Armut abwischen. Einen Gedanken zurechtrücken. Blumen aufstellen. Deinen Prospekt herausholen und die Einrichtung vergleichen. Vielleicht eine Bemerkung an den Rand kritzeln, nur eine winzige Notiz: Hell, würde dort stehen. Oder: Durchgangszimmer.

Deine Hände zittern, als wäre dir plötzlich kalt geworden. Die eine hat schon das Geländer ergriffen[...]

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