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	<description>Die Magie des Alltags.</description>
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		<title>Ganz weit weg</title>
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		<pubDate>Mon, 14 May 2012 20:27:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Yannick]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Bäume und Sträucher rasen am Fenster vorbei. Sie beginnen zu verschmelzen, zu fusionieren, sich zu vereinen, wie bei einem impressionistischen Bild. Vor meinen Augen entstehen grün-braune Farbkleckse. Doch ich sehe sie nicht an, nicht an ihnen vorbei. Ich starre durch sie hindurch, sie betreffen mich nicht, gehen mich nichts an. Ich blicke weit weg. Hinter die nächtlichen Schatten der Häuser und Gebäude, die am Rand der Schienen stehen. Sehe einen anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Ferne[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Bäume und Sträucher rasen am Fenster vorbei. Sie beginnen zu verschmelzen, zu fusionieren, sich zu vereinen, wie bei einem impressionistischen Bild. Vor meinen Augen entstehen grün-braune Farbkleckse. Doch ich sehe sie nicht an, nicht an ihnen vorbei. Ich starre durch sie hindurch, sie betreffen mich nicht, gehen mich nichts an. Ich blicke weit weg. Hinter die nächtlichen Schatten der Häuser und Gebäude, die am Rand der Schienen stehen. Sehe einen anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Ferne. Nur ein Wort. Doch ein Wort verbunden mit so viel Sehnsucht. Wunsch nach Veränderung, nach anderem, nach anderen. Anderen Menschen, anderen Gesichtern, anderen Geschichten. Nach fremden Eindrücken, ungefühlten Emotionen. Verlangen nach ungebrauchten Momenten, nach etwas neuem, anderem, Fernen.</p>
<p>Verehrte Fahrgäste, im Namen der deutschen Bahn möchten wir uns bei Ihnen entschuldigen. Aufgrund eines Passagiers, der sentimentalen, schwülstigen Gedanken über die Ferne nachhängt, mussten wir unseren Fahrplan kurzer Hand umstellen. Nächster Halt: Ganz weit weg!</p>
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		<title>Stadtgeflüster</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 11:15:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Silvia]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Mitte des Marktplatzes steht die Statue in ihrer ewigen Pose gebannt. Unendlich nachdenkend über das, was sie sagen will. Ewig blickend, nach passenden Worten suchend, bleibt sie stumm. Als würde sie nur auf den Augenblick warten, auf den perfekten Augenblick, in dem ihre Worte passen. Doch stattdessen schweigt sie für immer.
Ganz selten, da kommt es jedoch vor, dass Menschen für einen winzig kleinen Moment, für einen Wimpernschlag, ein Herzpochen, das Gefühl haben, dass sie sich bewegt hat [...]
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Tilda sitzt auf einer alten holzigen Bank. Der Morgen gähnt ihr ins Gesicht. Um sich nicht anstecken zu lassen und ein Einduseln zu unterdrücken, blickt sie zur Seite. Aus der Türe eines abgelebten, grauen Hauses säuselt eine Stimme. Wer da wohl wohnen mag? Und wer ist denn um diese Uhrzeit schon wach? Tilda reckt ihre Arme in den Himmel und versucht die Müdigkeit aus sich herauszupressen.</p>
<p>„Buh!“</p>
<p>Tilda erschreckt sich so sehr, dass sie den Tabak aus ihrer Selbstgedrehten herausprustet:</p>
<p>„Was war das?“</p>
<p>Sie baut ihren Körper auf und will gerade anfangen, die unverschämte Person dieses Hauses anzuschreien. Doch der Schrei versackt in ihrer Brust, als sie merkt, dass dort niemand ist. Kein Licht, keine Stimme. Ein wenig erschreckt und absurd überrascht merkt sie, wie sie das graue Haus freundlich anblickt.<br />
Von diesem kleinen Adrenalinstoß durchfahren, setzt sich Tilda  ein wenig herzklopfend auf die Bank, jedoch ohne ihre Augen von dem Haus zu lassen. Die abgeblätterte Farbe wirkt wie der Bart eines Weisen.<br />
„Irre ich mich, oder hat es tatsächlich seine Regenrinne augenbrauenmäßig hochgezogen?“</p>
<p>Ihren Kopf schnell wieder nach vorne drehend, muss Tilda schon über sich selbst lachen, über diesen Morgen und die schwipsige Luft. Tatsächlich liegen noch einige leere Bierflaschen neben ihren Füßen und eine neue  Zigarette ziert ihr Gesicht.</p>
<p>Ein tiefes, rauchiges Lachen umkreist ihre Schulter. Sie wagt es nicht, ihren Verstand dieser Mutprobe auszusetzen, noch einmal zur Seite zu blicken. Nicht in dieser Herrgottsfrühe und nicht allein, wenn ihr niemand den Beweis erbringen kann, dass sie wirklich sieht, was sie sieht.</p>
<p>„Mein wertes Fräulein, so ein kleiner Schreck am Morgen vertreibt jede Müdigkeit.“<br />
„Schau bloß nach vorne! Das kann nicht sein! Du bist doch wahnsinnig!“, spricht sie laut zu sich selbst.</p>
<p>„Du blickst so starr nach vorn. Das ist sicherlich deine spezielle, architektonische Ausrichtung, nicht wahr? Nun ja wie wäre es mit einer kleinen Geschichte, vielleicht lockert sich dann ja deine Halssäule und du kannst deine Fenster wieder auf mich richten.</p>
<p>Tilda ist sich nun sicher, dass sie verrückt geworden ist und läuft so schnell wie möglich in die nächste schräge Gasse, während sie überlegt, ob ihr jemand nachts etwas ins Getränk gemischt haben könnte. Stehend nach Luft ringend hat sie immer noch das Gefühl den Atem des grauen, alten Hauses zu schmecken.<br />
Panisch vor ihrer eigenen Wahrnehmung findet ihr Blick eine kleine dunkelblaue Tür. Sie läuft fast gegen sie, als es ihr gerade noch gelingt, die Klinke herunterzudrücken. Und plötzlich steht Tilda dort, wo sie immer steht, mitten in der kleinen Stadt.</p>
<p>Bunt platzen die Häuser aus dem Boden. Dachschrägen und Fensterläden necken sich und spielen wild romantisch ihr Backstein-Stapelspiel. Sie blickt auf, verwinkelt feilschen die Perspektiven um ihre Geheimnisse. Auf dem Hügel stehend, puppenhaft und eng aneinander geschmiegt, flüstern sie über die Menschen auf der Bank. Über die Menschen, die dort immer sitzen.<br />
Tilda greift in ihre braunen, lockigen Haare und ballt die Fäuste. Sie kann den Schmerz der gezogenen, strammen Strähnen spüren. Sie atmet. Ungehalten schüttelt sie den Kopf und schreit die Häuser an: „Ihr seid absurd! Hört auf damit!“ Als niemand reagiert, läuft sie zur Brücke, die Tilda immer und jeden Tag, seit ihrer Kindheit überquert. Dabei stößt und eckt sie an die vielen Kanten des Szeneviertels.<br />
Amüsiert klappern die Klinken über die sogenannten Künstler, die ihre Nachrichten auf ihren Gesichtern hinterlassen: „Kein Leben hat einen Namen“.<br />
Unter der kleinen hölzernen Brücke plätschert das Wasser und malt in sich hinein. Jeden Tag, also immer, kommt ein Mann zu Besuch und spielt auf ihr seiner Ziehharmonika. Seitdem kann sie alle Lieder auswendig und summt sie in die Nacht und in den frühen Morgen hinein, wenn der Gast schon längst schläft. Tilda steht nun dort und hört die Stimme, die zwischen dem Holz herausströmt. Sie lässt sich auf den Boden fallen und legt sich auf ihren Bauch. „Das wird mir keiner glauben!“ Doch dann beruhigt vom klingenden Singsang stützt sie ihren Kopf auf ihre Hände und schaut sich um.<br />
Prächtige alte Damen Baujahr 1716 stehen stolz und erhaben, doch zwinkernden Fensters neben ganz jungen Gestellen, die frech und freizügig ihre Farben zur Schau stellen.<br />
Dort zwischen den Bäumen spielen die Liebesgeschichten. Dach an Dach, Holzbalken umschlungen, säuselnd, rot-orange trunken, Farben beschwipst, taumelnd auf dem steinigen Boden.<br />
Die Glocken des alten Priesters klingen dröhnend durch die Gassen der Stadt. Da kommt es schon mal vor, dass einige Junge, also die besonders bunten und frechen unter ihnen, die Dachziegel runzeln und die Fensterhalterungen hochziehen und aus der Dachkammer heraus stöhnen.<br />
Unter ihnen gibt es aber auch die Diven. Täglich werden sie von den Menschen mit Komplimenten bepinselt. Und direkt in der Nähe ist der alte Zuhälter, der hat die dicksten Wände, um ihn herum lauschen allerdings auch die größten Ohren.<br />
Tilda kann das alles nicht glauben. Doch sie atmet. Sie lebt und sie kann den holzigen, unebenen Boden mit ihrer Hand streifen, ihn berühren, ihn fühlen.<br />
Sie beschließt, zurück zum bärtigen grauen Haus zu gehen und es um Rat zu fragen. Sie beginnt ihre Füße voreinander zu setzen und ist sich auf einmal unsicher, ob sie den Boden verletzen könnte.<br />
In der Mitte des Marktplatzes steht die Statue in ihrer ewigen Pose gebannt. Unendlich nachdenkend über das, was sie sagen will. Ewig blickend, nach passenden Worten suchend, bleibt sie stumm. Als würde sie nur auf den Augenblick warten, auf den perfekten Augenblick, in dem ihre Worte passen. Doch stattdessen schweigt sie für immer.<br />
Ganz selten, da kommt es jedoch vor, dass Menschen für einen winzig kleinen Moment, für einen Wimpernschlag, ein Herzpochen, das Gefühl haben, dass sie sich bewegt hat.</p>
<p>Tilda läuft den Hügel hinauf. Dort steht sie nun also vor dem freundlich blickenden alten Herren. Die Fenster sind rot umrahmt und sehen aus wie eine Lesebrille. Die Dachrinne ist weiß und zottelig und auf der dunkelblauen, kleinen Türe hängt ein kleiner, goldener Klopfring.</p>
<p>„Häuser sind Architektur. Sie sind aus Menschenhand geschaffen. Sie leben nicht, sie sprechen und fühlen nicht!“, bricht es aus Tilda hervor.</p>
<p>Der Alte lacht in seinen Bart. „Häuser sind also Architektur, ja? Während ihr in euren Zimmern sitzt, zeichnen die Wände auch Pläne von euch. Der Kopf ist das Obergeschoss. Manche haben eine luftige Freigeist-Dachterrasse und manche sind abgeschottet und versiegelt, damit sie ja keinen Regen abbekommen. Ihr Hals ist quasi die Halterungssäule. Ihr Herz ist der Platz, wo Freunde zu Gast sind, eine Art Wohnzimmer. Da gibt es die heimliche Variante, wo sich allerdings auch die schönsten Antiquitäten verstecken können, dunkle Plätze oder manchmal sind dort auch ganze Festwiesen untergebracht. Was sich unter dem Bauchnabel abspielt, ist dann das Schlafzimmer. Dort findet man die verwucherten, wilden Gärten aber auch die Blümchenwiesen. Die Füße sind das Fundament. Verwurzelt oder auch flink und wandernd.<br />
Wir werden jeden Tag angeschaut, bestaunt mit großen Augen. Doch auch wir lassen uns überraschen, schreien heraus und flüstern.<br />
Manchmal, da hören wir bei Vorbeilaufenden Fetzen einer Geschichte und da ziehen sich unsere Dachziegel zu einer Gänsehaut zusammen. Manchmal flattern die Glockenspiele vor der Türe vor Aufregung und ein anderes Mal zieht sich ein Schatten über unser Haupt. Wir flüstern mal geheimnisvoll gruselig aus dem Dachboden, mal vielversprechend auf der Türschwelle, heldenhaft aus dem Flur- Echo oder auch verschlafen aus dem Treppenboden. Mal singen wir aus den Badezimmerkacheln oder knarren beschwerlich aus der Tür.“</p>
<p>Tilda steht wie versteinert dort und findet keine passenden Worte. Sie muss an die Statue denken, die unendlich nachdenkend stumm bleibt.<br />
Der alte Herr sieht ihr Staunen und ihre Fassungslosigkeit und sagt lächelnd:</p>
<p>“Es gibt winzig kleine Momente, für einen Wimpernschlag, ein Herzpochen, da kannst du die Welt sprechen hören und sie lebendig sehen. Und wenn du diese Momente gespürt hast, kannst du dich ins Leben verlieben, ohne je die passenden Worte zu finden. Du wirst diesen Augenblicken nicht nachtrauern, weil du weißt, dass du sie nie besessen hast, sie sind dir passiert.<br />
Diese winzig kleinen Momente, sie können unendlich sein.”</p>
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		<title>Magie gesucht</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Apr 2012 20:38:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedanken & Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Yannick]]></category>

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		<description><![CDATA[Wann ist die Magie verschwunden? Und wohin ist sie gegangen? War sie mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen und ich habe es nicht bemerkt? Wie auch immer, jedenfalls bleibt festzuhalten, dass sie fort ist und ich noch hier. Wenn ich im Bett liege und die Sonne durch das Fenster in mein Gesicht scheint, denke ich oft darüber nach, wie es früher war. Bei meinem Kinder-Ich hätten die Sonnenstrahlen einen solchen Endorphin-Schub verursacht, dass ich sofort unter tosendem Lärm aus dem Bett gesprungen wäre[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Wann ist die Magie verschwunden? Und wohin ist sie gegangen? War sie mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen und ich habe es nicht bemerkt? Wie auch immer, jedenfalls bleibt festzuhalten, dass sie fort ist und ich noch hier. Wenn ich im Bett liege und die Sonne durch das Fenster in mein Gesicht scheint, denke ich oft darüber nach, wie es früher war. Bei meinem Kinder-Ich hätten die Sonnenstrahlen einen solchen Endorphin-Schub verursacht, dass ich sofort unter tosendem Lärm aus dem Bett gesprungen wäre. Ich hätte meiner Mutter beim Frühstück abenteuerliche Geschichten über einen Adler erzählt, auf dessen Rücken ich die Welt umkreise, während ich zeitgleich ein Nutella-Brot verdrücke und mit dem Stuhl soweit nach hinten kippele, dass es mir vorkommt, als würde ich wirklich fliegen. Wir wären gemeinsam durch die Wolkendecke gebrochen und wären dem Schweif einer Sternschnuppe nachgejagt. In der Gegenwart ziehe ich mir die Decke stöhnend bis über beide Ohren, um mich vor der Sonne zu verkriechen und noch fünf Minuten zu schlummern. Der einzige tosende Lärm, der morgens zu hören ist, ist mein allmorgendlicher Hustenanfall vor dem Waschbecken. Die abenteuerlichen Geschichten stammen inzwischen nicht mehr von mir, sondern von der Nachrichtensprecherin, die mit der gleichen monotonen Stimme und dem immer gleichen Elmex-Lächeln eine Horrormeldung nach der nächsten herunter leiert. Über die verschwundene Magie spricht sie nie und irgendwie habe ich sie im Verdacht, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben. Teer, Nikotin und Kondensat im Zusammenspiel mit Koffein haben die Sonnenstrahlen abgelöst und sorgen für den Endorphin-Schub. Mein Kinder-Ich wäre auf dem Rücken des Adlers zu seinen Gefährten geflogen und hätte mit ihnen gemeinsam Heldentaten vollbracht und aus Ästen und einem Stück alter Plane ein Fort gebaut, dessen Tore niemand hätte passieren können. Die schlammbedeckten Schuhe und die zerrissene Hose wären die Trophäen der erlebten Abenteuer gewesen, die ich stolz meiner Mutter präsentiert hätte. Abends im Bett hätte ich die magischen Momente des Tages noch einmal im Traum erlebt und mich auf die nächste zauberhafte Reise gefreut. Heute sitze ich nachmittags meist am Schreibtisch, lese komplizierte Texte für die Uni und versuche mir auf abstruse Theorien irgendwelcher wichtigen Querdenker einer vergangenen Epoche einen Reim zu machen, grübele darüber nach, wie ich Miete, Strom und Essen bezahlen kann und trotzdem ab und an noch ein paar Cents für die schönen Dinge des Lebens überhabe. Zahlen und Statistiken besitzen wenig Magisches. Vielleicht ist Magie aber auch einfach mit einer Altersfreigabe verbunden. Ein rotes Schild mit einer schwarzen 18 drauf. Nur für Kinder! Kinder haften für ihre Eltern. Magie &#8211; für Erwachsene unzugänglich aufbewahren.</p>
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		<title>Die andere Seite des Spiegels</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Apr 2012 09:50:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Fiona]]></category>

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		<description><![CDATA[In langen Fluren schluckt nackter Boden seine Schritte. Die Stille schmiegt sich an die Wände, in dicken, staubigen Schichten. Das Schweigen ist schon so alt geworden, dass es die kalten Mauern zusammenhält. Er ist nicht groß. In den Gängen kleben seine Füße eng aneinander, bewegen sich vorsichtig, als wollten sie sich nicht verlieren. Seine Hände reichen kaum die Mauern hinauf, die vom Schweigen vertrockneten Steine, reichen kaum bis an die großen Gemälde, die mit Gold behängt Gestalten umzäunen, große und verzerrte Gestalten in merkwürdig dunklen Gewändern, die sich über den Gang hinweg ernst anblicken. Seine Fingerspitzen berühren fast den rauhen Rahmen, manchmal, wenn er sich anstrengt, doch die Blicke über ihm sind für ihn auf ewig unerreichbar[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">In langen Fluren schluckt nackter Boden seine Schritte. Die Stille schmiegt sich an die Wände, in dicken, staubigen Schichten. Das Schweigen ist schon so alt geworden, dass es die kalten Mauern zusammenhält. Er ist nicht groß. In den Gängen kleben seine Füße eng aneinander, bewegen sich vorsichtig, als wollten sie sich nicht verlieren. Seine Hände reichen kaum die Mauern hinauf, die vom Schweigen vertrockneten Steine, reichen kaum bis an die großen Gemälde, die mit Gold behängt Gestalten umzäunen, große und verzerrte Gestalten in merkwürdig dunklen Gewändern, die sich über den Gang hinweg ernst anblicken. Seine Fingerspitzen berühren fast den rauhen Rahmen, manchmal, wenn er sich anstrengt, doch die Blicke über ihm sind für ihn auf ewig unerreichbar. Drohend und ahnungsvoll schmieden sie das Netz von Blicken ohne ihn, über ihm, sprechen die aus geschmolzener Farbe kommenden Personen in einer stummen Sprache, die er nicht hören kann. Immer und immer bleibt er am glatten Boden festgeklebt, am Rande, gerade noch so da, gerade noch so vom Schweigen geduldet.</p>
<p style="text-align: justify;">Oft geht er in die großen Säle, viele sind es, hier oben. Zwischen den Gängen reißen sie plötzlich auf, spalten den Raum zu einer großen Leere, sodass er sich oft am Türrahmen festhalten muss, um nicht in die Fülle des Raumes hineingesogen zu werden. Die Decke wölbt sich weit oben in dunkles Dämmerlicht hinein, verkriecht sich langsam in verästelten Kapitellen und Rundbögen. Von den Wänden bröckelt langsam die Farbe, hält der Schmuck nur vorübergehend, so, als könnten sie kaum mehr den Raum umspannen. Alles scheint hier abwesend. Vielleicht ist das der Grund, warum es ihn immer wieder zu der schrecklichen Leere der Hallen zieht – um zwischen abgewandten Möbelstücken und schweigenden Mauern endlich das zu finden, was die Abwesenheit ausgelöst hat. Und er drückt sich an die verhangene Wand, den Arm vorgestreckt, als wollte er etwas greifen, etwas, das schon längst nicht mehr dort ist, was nur noch durch sein Vergessen durch die Räume zieht. Und wenn es dunkel wird, und das wird es oft, und müde Beine ihn langsam tiefer ziehen, Stockwerk für Stockwerk, unwiderstehlich an bewusstlos offenen Türen vorbei, an nie verstandenen, unbeweglichen Gesichtern von Gestalten, dann weiß er bereits, wo er sein wird, jetzt, immer, wo seine rastlosen Füße ihn immer wieder zurückbringen: Zu der einen Tür, der kleinen, letzten, an der die Spalten der Bretter das Schweigen fast verloren haben, im warmen Holz noch eine letzte Ahnung von gespeichertem Sonnenlicht schwebt, an der seine kleine Hand, vorsichtig angelegt, sich fast glaubt wiederzuerkennen. Die letzte Tür, denn hier ist der Gang zu Ende, die Letzte, denn er ist schon längst wieder bei ihr und nun, wenn langsam dunkle Fäden zwischen den Mauern sich spinnen, die hohen Gemälde in Dunkelheit versinken, umfasst sein Auge, sorgsam und sanft, das kleine Schlüsselloch. Und es begegnet ihm, hier, das Licht, es trifft auf sein Auge wie ein alter Freund, aus gelb-orangenen Schleiern gewebt, umfängt es ihn, hinter dem Schlüsselloch. Und er blickt, und sein Auge liebkost den Raum, die kleinen Rundungen der niedrigen Wände, die kleinen Gegenstände des Bodens, wie sanfte Hügel, so aneinanderausgerichtet, so nah beieinander. Und er spürt es, durch das Schlüsselloch hindurch, dass hier die Abwesenheit noch nicht vollständig eingedrungen ist, dass zwischen den Dingen am Boden, die fast noch miteinander Sprechen können, wie Spielgefährten, noch ein Rest von Leben besteht, von einer leichten Verbindung, wie ein Summen. Und dann sucht er die andere Seite, begehrlich, im stummen Flehen, und er findet sie in seinem Blick, findet das, was all die eingefrorenen Blicke der Gemälde nicht freisetzen können, das, wovon der Raum noch leise atmet: Ein lebendiges Gesicht, flach, wie auf einer glänzenden Scheibe, als wäre es sein eigenes Spiegelbild, das langsam erst verblasst.</p>
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		<title>Big Girl</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Mar 2012 11:34:51 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Gastautoren]]></category>
		<category><![CDATA[Gedanken & Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Alexander]]></category>

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		<description><![CDATA[Du musst hinschauen. Du musst. Es gibt keinen freien Willen. Nicht bei dir. Und so gehorchst du, leistest dem Hormon-General folge und schmiegst deine Augen an sie.  Wie zwei Harpunen stecken sie in ihr fest. Unbewegbar. Nicht zu entreißen. Du weißt, was die unumgängliche Folge ist, bist nur allzu gut vertraut mit der jetzt folgenden Kausalität. Das Präludium überwunden, wappnest du dich für die Hauptvorstellung.

Ihre Schönheit verblendet alles im Raum, weißes Rauschen, immer lauter werdendes Licht, die Fenster brechen vom stetig greller werdenden Rauschen[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Du musst hinschauen. Du musst. Es gibt keinen freien Willen. Nicht bei dir. Und so gehorchst du, leistest dem Hormon-General folge und schmiegst deine Augen an sie.  Wie zwei Harpunen stecken sie in ihr fest. Unbewegbar. Nicht zu entreißen. Du weißt, was die unumgängliche Folge ist, bist nur allzu gut vertraut mit der jetzt folgenden Kausalität. Das Präludium überwunden, wappnest du dich für die Hauptvorstellung.</p>
<p>Ihre Schönheit verblendet alles im Raum, weißes Rauschen, immer lauter werdendes Licht, die Fenster brechen vom stetig greller werdenden Rauschen.</p>
<p>Dem Rauschen der roten Soldaten in deinem Blut, deinen Ohren; von deinem Blut was in deinen Ohren die Schallmauer durchbricht, Mach 3.</p>
<p>Und es ist wunderschön wie deine Augen anfangen zu bluten, wie der rote Saft sich selber seinen samtigen Sommerweg aus deinen Nasenlöchern bahnt. „Freiheit!“, platz es aus deinen Ohren. Die Art wie sich deine Haut unter der Hitze von 1000 Sonnen auflöst, ergreift das Herz, bevor es im Walzertakt des Geiger-Müller-Zählrohrs explodiert und in eine Symphonie der Atome, Nukliden und Alphateilchen einstimmt.</p>
<p>Deine Knochen wirbeln als Staub umher, ummanteln und umarmen, ja küssen schon fast die umherfliegenden Fetzen deiner Muskeln bevor auch sie, sowie der Rest deines Körpers in dunkle, unendliche Vergessenheit und Unbedeutsamkeit entschwindet.</p>
<p>Stummer, zermürbender Knochen-Applaus für das grande finale.</p>
<p>Was bleibt? Sie. Die Atombombe, die du zündetest, ein schaurig-schöner, neon-gelb in der Dunkelheit leuchtender Todesengel.</p>
<p>Alles ist stumm und ionisierend friedlich. Und so wie du, entschwindet sie dem Raum.</p>
<p>Bis zur nächsten Vorstellung, dem Spektakel, das du sehnlichst erwartest.</p>
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		<title>Das Sichtbare an Dir</title>
		<link>http://blog14.net/archives/950</link>
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		<pubDate>Fri, 23 Mar 2012 19:51:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedanken & Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Fiona]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich suche etwas sichtbares an dir. Versuche mich an einem Blick, der nicht immer genau das verdeckt, was ich sehen will. Ich male diesen Blick, in allen noch nicht geborenen Farben. Ich lausche ihm nach in der Stille ungesagter Wörter, ich schreibe ihn blind und zitternd auf Papier. Ich müsste blind werden, um sehen zu können, immer neu blind werden, so, wie man wunschlos sein muss, um wirklich wünschen zu können, um selbst in einem Wunsch geboren zu sein, Kaskade auf Kaskade fallend, wünschend, zu wachsen. Wunschlos, blind. So muss ich erst blind werden, um das Sichtbarste an dir sehen zu können.
Im stillen Erstaunen starre ich auf deine schwingenden Formen[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Ich suche etwas sichtbares an dir. Versuche mich an einem Blick, der nicht immer genau das verdeckt, was ich sehen will. Ich male diesen Blick, in allen noch nicht geborenen Farben. Ich lausche ihm nach in der Stille ungesagter Wörter, ich schreibe ihn blind und zitternd auf Papier. Ich müsste blind werden, um sehen zu können, immer neu blind werden, so, wie man wunschlos sein muss, um wirklich wünschen zu können, um selbst in einem Wunsch geboren zu sein, Kaskade auf Kaskade fallend, wünschend, zu wachsen. Wunschlos, blind. So muss ich erst blind werden, um das Sichtbarste an dir sehen zu können.</p>
<p style="text-align: justify;">Im stillen Erstaunen starre ich auf deine schwingenden Formen, die sanften, der Haut verwandten Farben, den Körper übergießend wie bei einer Taufe. Ich folge deiner Kontur, die so nahtlos sich in die Luft einfügt, ohne Lücken, ohne Spielräume für Irrtümer, diese Kontur, die sich vor dir zum Schatten niederwirft, vor der ich beten möchte oder schweigen, die Wörter fallen lassen oder die Augen schließen. Aber ich tue es nicht. Unaufhörlich lausche ich ihr, dieser letzten Linie, die dich von der Außenwelt trennt, dich umgibt und einschließt, dich gleichzeitig in die Welt setzt und dabei unaufhörlich deinen Namen ruft. Die klaren Linien deiner Beine, der klare Stolz einer noch unfertigen Senkrechten, der Anklang einer Eroberung. Der weiche Schatten dazwischen, den Hintergrund ein- und zugleich ausschließend. Die Arme, wie eine Wiederholung auf neuer Ebene, die Behauptung völliger Bewegung und Freiheit, die niemals anmaßend wirkt, sondern gerade durch die Bindung an den Körper erst ihre Bedeutung erhält. Und erst die Hände. Wie aus dem Nest gefallene Vögel, wie nirgendwo sonst sehe ich dort das Ungeformte atmen, in zitternder Verheißung ungeahnter Taten, unsichtbarer Entfaltung. Niemand kann seine Hände so öffnen wie du es tust. Und als wüsste es die Luft, als spürte sie das ewige leise Vibrieren deiner Fingerspitzen, so fließt sie dort am engsten um deine Kontur, heiß, fast schon brennend, als möchte sie dort ein für allemal verschmelzen, was zusammengehört. Ein Brennofen, der Gedanken zu Wörtern verbrennt und leise tropft Asche zu Boden wie vergangene Haut. Nie gelöste Materie, nie gehörtes Rauschen. Als möchte genau dort deine Kontur sich spalten, abzweigen, zu neuen Linien verwachsen und die Luft mit Taten spalten, sie mit der einen Hand spalten in der ewigen Fortführung der eigenen Kontur und mit der anderen Hand wieder zusammenkleben. Ein Zusammenführen in eigenem Schweiß und Blut, in gewichtloser Berührung verbinden, in körperlosem Streicheln, in der Zärtlichkeit einer für immer schwebenden Geste. Ich bebe vor der Kontur deiner Hände. Ich bleibe blicklos vor dem noch ungeformten Formenden, ich bleibe wortlos vor der Intimität deiner Handfläche, dort, wo formend und formbar zusammentreffen. Hier kann ich nicht mehr sehen. Hier spüre ich das Sichtbarste emporwachsen, wie einen Baum aus Handlinien, hier, wo ich es nicht mehr wage von Formen zu sprechen, wagen es auch meine Augen nicht mehr, Formen zu sehen. Ich spüre nur die Wärme deiner Hände wie eine immer kommende Nähe. Eine wortlose, nicht fassbare Nähe, die nur die Deine ist und selbst die Luft zwischen uns schmelzen könnte. Deine Hände machen mich blind.</p>
<p style="text-align: justify;">Und ich wage den Blick zu der Öffnung deines Gesichtes. Ich sehe es erst wie die Kontur von etwas Fehlendem, etwas Abwesendem, wie ein Fenster, das nur dadurch ist, dass man hindurchschauen kann. Und ich sehe es, mit dem Vergessen eines eben erst entstandenen Traumes. Ich sehe etwas so Einzigartiges in der Entfaltung, dass es von Innen kommen müsste, aus meinem Blick selber, so nah und weich wie die Innenseite einer noch ungeöffneten Frucht. Als sähe ich mich selbst von Innen heraus. Und gleichzeitig trifft mich der Schrecken des Fremden, des vollkommen Andersartigen. Ich bin in die Verwirrung meiner eigenen Existenz hineingeworfen, ich sehe etwas, das ich bin und doch gleichzeitig etwas völlig anderes als ich selbst. In deinem Gesicht eröffnet sich mir der höchste Glanz meines eigenen Paradoxons: Es ist das, was ich bin, und doch zugleich nur dadurch, das es nicht ich ist,während ich zugleich mit dem Blick in die Welt geschleudert nur bin, weil ich nicht dieses Gesicht bin. Es ist dein Gesicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Nirgendwo sonst sind deine Konturen so unklar und fragend, der Kreis deines Kopfes eine sich ewig selbst stellende Frage, die zitternde Entfaltung all ihrer Variationen, in den kleinsten Nischen einbrechend und aufblühend, zerbrechlich, mitten in der Nacktheit dieses Unglaublichen. Ein einzigartiges Gesicht. Ein wandelndes, zuckendes, atmendes Antlitz, die Unmöglichkeit der Berührung überwindend, in einem Lachen entgleisend, in einem Weinen fliehend, in einer einzigen ewigen Bewegung vollkommen. Hier trifft das Zerbrechlichste auf das Unzerstörbare. Das Unzerstörbare: Das bist du. Dein Anblick. Dein Antlitz, in diesem Moment all seine Momente versammelnd. Hier, wo alle deine Konturen verschwimmen, zu losen Fäden werden, wo ein Körper zu Ende geht, der einen Blick in den Himmel versprach, hier beginnt der Anfang eines Blickes.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich staune über das Wunder der Formen. Vergesse die einander überschlagenden Vergleiche, vergesse meinen eigenen Blick. Mit was kann ich deine Nase vergleichen? Mit anderen Nasen, mit Tieren, irdischen Rundungen, mit Wurzeln, Bergen, ganzen Händen voller Gebirgszügen, dem kühnen Strich auf einem leeren Blatt Papier? Kann ich von Linien sprechen, von Punkten, von organischen Zellen, die deine Form ausfüllen, sie erreichen, erreichen wollen, beben vor lauter Verlangen eine Form auszufüllen, die ich aus ferner Erinnerung eine Nase nenne? Und dein Mund. Der weiche, bebende, bettende, gebende, nehmende, so selbstverständlich vorhandene Mund- auf was für Bibliotheken von Wörtern müsste ich zurückgreifen! Ich könnte von Schluchten anfangen, von plötzlich sich auftuenden Tiefen, von den Kontinentalplatten, dem ewigen Fallen in tiefste Ozeane, von aufsteigenden Funken, die Wolken schmelzenden Flammen, von einem einzigen, aus der dunkelsten Höhle der Einsamkeit geborenen Gedanken, der auf deiner Zunge zittert wie eine Perle.<br />
Aber mein Blick schweigt. Dein Antlitz wirft mich in die tiefste Stille, in die Blindheit des Sehens.<br />
Ich bin nicht fähig, in deinem Gesicht den geringsten Anhaltspunkt für einen Anfang zu finden, den Anfang eines Sehens, das sich wie eine Spirale entwickelt und zu einer Struktur ausrollt, die mir sagt: Du. Und mit diesem Wort all das verbirgt, was du zu sehen gibst. Und ich hoffe darum, dass das auch nie geschieht. Denn dein Antlitz ist nicht nur wachsend, versinkend, fliehend, im ständigen Finden seiner Form, sondern es ist sehend. Hier, vor der Nacktheit und unverrückbaren Wahrheit deines Antlitzes bin ich blind geworden. Und genau hier geschieht das Wunder. Es ist nicht mehr mein einsamer Blick, der auf die Dinge trifft wie durch Nebel und verformten Widerhall empfängt, sondern er bricht auf, er öffnet sich, er zerfließt. Hier, vor deinem Antlitz, bin ich nicht allein, du machst dich mir sehend. Du bist es, der mir meinen Blick gibt.</p>
<p style="text-align: justify;">In verwirrender Weise bin ich wortlos geworden, jetzt, da ich deine Augen erreiche. Ich bin es nicht mehr, der sieht, der sieht oder nicht, der blind wird oder sehend, auch du siehst nicht. Es ist, als sei das Sehen nun körperlos geworden und schwebte zwischen uns, wie der Hauch einer Möglichkeit, frei in losgerissenen Sekunden. Bis einer von uns nach den rettenden Formen greift, nach einem Wort, nach Begriffen und mühsam Asche formt. Was also bleibt uns, in der verwirrenden Freiheit eines losgelösten Blickes, des immer verbundenen Blickes, des Gegenübers jenseits allen Sehens?</p>
<p style="text-align: justify;">Hier entsteht deine Schönheit. Du bist wunderschön. Durchstrahlt von dem Glanz eines augenlosen Blickes, eines ziellosen Strömens, als atmete deine Haut von einem unsichtbaren Licht. Du bist nicht nur schön durch die zufällige Varianz deiner Formen, du bist ebenso schön durch all das, was du nicht bist. Durch das, was du wirst, werden könntest, durch die reine Potentialität neuer ungeborener Vielfalt. Du bist nicht mehr an Formen gebunden, du tanzt auf dem feinen Gewebe zwischen den Ebenen und all das strahlst du aus mit dem kleinsten Beben deiner Lippen, jeder Kreuzung deiner Haare, jedem Pfad auf deiner Haut, jeder Brechung des Lichtes in deinen Augen. Jede Zeit fällt von dir ab wie alte Decken, zerfallene Stützen aus Stein, dein Blick richtet sich auf wie eine Geste, wie eine nach oben gerichtete Handfläche, gebend oder empfangend, du stellst mir deine eigene Frage mit diesem Blick und sie ist wunderschön.</p>
<p style="text-align: justify;">Blicke, die sich selbst vergessen, mitten im reinen Erstaunen, im Glanz einer Frage. Hier wird das geboren, was wir in Ermangelung eines Wortes das Sichtbare nennen.</p>
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		<title>Am Fluss</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Mar 2012 22:07:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Daniel]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie fällt. Mal gerade hinab, dann gefangen vom Wind, stolz empor gehoben und sanft getragen durch die Lüfte. Dann wieder hinab. Fällt, fliegt, bis sie schließlich auf deinen Haaren landet. Noch einen Moment verweilt sie. Ein Moment voll Ruhm, als strahlender Eiskristall, die kleinen, gläsernen Äste starr gestreckt. Ein Augenblick für die Welt, die nicht hinsieht. Zeig dich! Und sie zeigt sich, zeigt sich für einen Moment perfekt! Verharrt, einen Wimpernschlag lang, so fein gefertigt in unendlicher Geduld von Niemandem. Noch einen Moment verweilt sie, bis sie schmilzt. Verweilt, bis sie langsam unsichtbar wird und in der kalten Nachtluft verschwindet. Die Äste werden dünner und entfliehen in der Dunkelheit.

Du bekommst es nicht mit, atmest sanft einen dünnen Nebel Richtung Sterne und schaust gerade aus[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Sie fällt. Mal gerade hinab, dann gefangen vom Wind, stolz empor gehoben und sanft getragen durch die Lüfte. Dann wieder hinab. Fällt, fliegt, bis sie schließlich auf deinen Haaren landet. Noch einen Moment verweilt sie. Ein Moment voll Ruhm, als strahlender Eiskristall, die kleinen, gläsernen Äste starr gestreckt. Ein Augenblick für die Welt, die nicht hinsieht. Zeig dich! Und sie zeigt sich, zeigt sich für einen Moment perfekt! Verharrt, einen Wimpernschlag lang, so fein gefertigt in unendlicher Geduld von Niemandem. Noch einen Moment verweilt sie, bis sie schmilzt. Verweilt, bis sie langsam unsichtbar wird und in der kalten Nachtluft verschwindet. Die Äste werden dünner und entfliehen in der Dunkelheit.</p>
<p style="text-align: justify;">Du bekommst es nicht mit, atmest sanft einen dünnen Nebel Richtung Sterne und schaust gerade aus. Bekommst es nicht mit, sondern legst deine Hände auf die Mauer, betrachtest den Fluss von uns aus, wo die Lichter brennen, bis dort, wo Schwärze ihn aufsaugt. Lange stehst du da, regungslos bis auf den weißen Dunst deines Atems. Um dich herum wird schwarzer Stein mit weißem Samt bedeckt und die Welt hält inne – Stille. So still sind Himmel und Erde, der Fluss, die Brücke, die Mauer. Du. Wir. Die Lichter. Das Streichholz reißt mitten durch das Nichts. Die Flamme erhellt dein Gesicht nur kurz, spiegelt sich in deinen Augen wie ein Leben, das du lebst oder suchst. Ich höre, wie die Glut sich ins Innere deiner Zigarette frisst und betrachte, wie deine Lippen den Filter küssen.<br />
Deine Spuren im Schnee sind längst bedeckt, sowie dein Mantel. Der Fluss gibt keinen Laut mehr von sich, rinnt still in die Leere der Finsternis. Am anderen Ufer erlischt eine Laterne. Deine nächtliche Zigarette liegt ausgedrückt auf der Mauer und haucht den letzten Qualm ins Licht. Abwesend drehst du dich um. Der Mond taucht den Schnee in müdes Blau, und ein weiterer Kristall erlischt auf deinen Wimpern. Ich kenne deinen Weg nicht, kenne nur dich. Dich und deine Zigarette am Fluss.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen Häuserschatten löst du dich auf. Auf der Mauer wird die Spur deiner Hand nicht mehr lange zu sehen sein. Auch dich werde ich nicht wieder sehen, sowie du mich nicht gesehen hast. Zufrieden strecke ich meine gläsernen Äste in die Nachtluft, fein und symmetrisch. Und die Stadt schläft, während nun auch mein Moment vorbei ist und sich meine kristallene Gestalt langsam auflöst.</p>
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		<title>MeKuWiLand Utopia</title>
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		<pubDate>Wed, 07 Mar 2012 14:54:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Yannick]]></category>

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		<description><![CDATA[Wollten Sie schon immer hinter den Spiegel ins Un- und Unterbewusste reisen? Willkommen an Bord der „MS Heterotopie“ auf Expeditionskreuzfahrt nach Mekuwiland Utopia. Entscheiden Sie sich für die rote Pille, klettern Sie in den Kaninchenbau und erfahren Dinge über sich selbst und die Welt in der wir leben, die Sie nicht zu träumen gewagt hätten. Treffen Sie auf die phantasmatischen Gestalten, die dieses Wunderland bevölkern und lassen Sie sich von ihnen verzaubern, erschrecken und zum Staunen bringen. Ihre Subjektgrenzen werden sich auflösen und Sie werden sich von einer festen, fertigen Entität in einen wandlungsfähigen, unstrukturierten Prozess transformieren.

Eine Fahrt mit der MS Heterotopie ist ein synästhetisches Abenteuer[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Wollten Sie schon immer hinter den Spiegel ins Un- und Unterbewusste reisen? Willkommen an Bord der „MS Heterotopie“ auf Expeditionskreuzfahrt nach Mekuwiland Utopia. Entscheiden Sie sich für die rote Pille, klettern Sie in den Kaninchenbau und erfahren Dinge über sich selbst und die Welt in der wir leben, die Sie nicht zu träumen gewagt hätten. Treffen Sie auf die phantasmatischen Gestalten, die dieses Wunderland bevölkern und lassen Sie sich von ihnen verzaubern, erschrecken und zum Staunen bringen. Ihre Subjektgrenzen werden sich auflösen und Sie werden sich von einer festen, fertigen Entität in einen wandlungsfähigen, unstrukturierten Prozess transformieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Fahrt mit der MS Heterotopie ist ein synästhetisches Abenteuer. Unsere erfahrenen Animateure bieten performative Performances, die jedem noch so hartgesottenen Strukturalisten einen ausgiebigen, berauschenden Strukturverlust nahe legen.</p>
<p style="text-align: justify;">Besuchen Sie unsere Schiffsdiskothek und feiern zu den Klängen unserer über den Bug hinaus bekannten Bord-Diskjockeys DJ Double U Adorno und MC Horkhomie eine kabylische Houseparty. Oder besichtigen Sie bei einem unserer vielen Landausflüge mit unserem Experten Lévi-Strauss (keinesfalls der Erfinder der Jeanshose!) die schamanischen Praktiken der Eingeborenen. Der Zauber der so genannten Muhs versetzt einen in ekstatische Zustände, in denen sich Signifié und Signifiant immer weiter voneinander entfernen.</p>
<p style="text-align: justify;">Oder sind Sie mehr ein Freund des ausgiebigen Lachens und der Ausschweifung? Dann lassen Sie sich doch von unserem professionellen Schiffsclown Siggi bespaßen. Sei es seine berühmt-berüchtigte „Ödipus-Nummer“, der „Selbstversuch mit Kokain“ oder seine kabarettistisch angehauchte Religionskritik „Religion &#8211; die Mose-Neurose“, jeder seiner Sketche reißt einen aus der tristen, grauen Humorlosigkeit des Alltags und entlockt einem ein lautstarkes Lachen.</p>
<p style="text-align: justify;">Dürstet es Sie aber eher nach wissenschaftlichen Vortragsreihen, hilft auch hier das ausdifferenzierte Animationsprogramm des Heterotopie-Team. Michel Foucault, das einzig bekannte Lebewesen, das aus dem Diskurs aus- und wieder eintreten kann, erklärt diesen Umstand und begeistert außerdem mit heiteren, erbaulichen Themen wie den Prinzipien des Gefängnisses, des Irrenhauses, der Überwachung und der Bestrafung.</p>
<p style="text-align: justify;">Auf der Insel selbst wartet die Begegnung mit den außergewöhnlichsten Kreaturen, die dieses Zauberland bevölkern. Beispielsweise Donna, der Cyber-Feministin mit dem furchteinflößenden, geschlechtslosen Cyborg, oder dem Virilio, einem wuseligen Geschwindigkeitswesen, das mit seinen rasanten Bewegungen eine Schneise der Verwüstung hinterlässt. Mit etwas Glück sind Sie vielleicht der erste Auserwählte dem es gelingt ein Foto dieses exotischen, legendenumwobenen Inselbewohners zu schießen. Werden Sie Teil des Zaubers und überwinden Sie diskutierend und debattierend die Fesseln Ihrer bisherigen Existenz.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn Sie also Chucks oder Hornbrille tragen, Feuerspucken oder -werfen, Dichten, Schreiben, oder anderweitig alternativ und sensibel sind und das angebotene Programm Ihrem Habitus entspricht, begleiten Sie uns auf unserer Odyssee nach MeKuWiLand Utopia. Entdecken Sie die Wunder der Insel und lassen Sie Ihr von Regeln und Normen bestimmtes Leben hinter sich!</p>
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		<title>Globetrotter</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Feb 2012 21:05:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Silvia]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Globus streckt seinen Arm in die Höhe. Dort, zwischen Zeigefinger und Daumen, baumelst du und wartest auf dein Leben. Du wagst den Sprung in die Menschlichkeit und mit dir wird eine neue Welt geboren. Du landest auf der Grenze zwischen hier und dort. Auf dem Boden, wo keine Wurzeln wachsen. Zwischen Eingeboren und vom Storch verloren. Zwischen Identität und Undefinierbarkeit[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Globus streckt seinen Arm in die Höhe. Dort, zwischen Zeigefinger und Daumen, baumelst du und wartest auf dein Leben. Du wagst den Sprung in die Menschlichkeit und mit dir wird eine neue Welt geboren. Du landest auf der Grenze zwischen hier und dort. Auf dem Boden, wo keine Wurzeln wachsen. Zwischen Eingeboren und vom Storch verloren. Zwischen Identität und Undefinierbarkeit.</p>
<p>Du bist bepackt mit einem Archiv voller staubiger Blätter, die sich zu deinen Vorfahren erheben und ihre Tinte an dich drücken. Du stehst vor der Tür der Nation und schaust durch ihr Schlüsselloch. Das Holz verzieht sich zu einer fragenden Fratze: „ Du bist nicht eindeutig, du bist nicht entzifferbar, du darfst die Schwelle nicht passieren.“ Aus der Türspalte brechen verärgerte Töne.<br />
Dir ist eine fremde Welt in die Arme gefallen, die dich nicht umarmen will. Die Zeiger deiner Uhr liegen wie ein Schiffswrack im Fluss der Zeit. Sie weiß einfach nicht, wie sie Ticken soll und bewegt sich deshalb im Vergangenem Takt.</p>
<p>Jedes Mal, wenn die Erde sich einmal um sich selbst dreht, hoffst du, dass den Geistern der Vergangenheit schwindlig wird und sie herunterfallen, damit du ohne Rauschen sprechen kannst.<br />
Du stehst auf der Grenze. Bist ein Kind zweier Nationen ohne eine Nabelschnur. Du bist dein Vorfahre, den auch keiner kennt. Du bist das Resultat fremder Blicke, die dich zu einem Bild gefrieren lassen. Du bist dir selbst fremd.<br />
Deine Hände umfassen die Klinke und mit schwerem Herzen drückst du dich gegen die Tür. Du läufst auf dem Globus und suchst nach dir selbst. Du suchst dich im Museum, zwischen Stein und Meißel der Geschichte. Du suchst dich in den grauen Augen der zu Asche gewordenen Gebäude. Du suchst dich in den Falten der Tradition und alterst mit ihren Werten.<br />
Du suchst dich zwischen Meer und Küste, zwischen Norden und Süden, zwischen Rosenkranz und Kommunismus, zwischen Erwartung und Enttäuschung.<br />
Dort zwischen Herbst und Laub begegnest du einem Freund. Kleine Funken tanzen aus seinem Mund und setzen sich in deine Augen. Seine Worte bauen sich auf zu einem Sturm und aus deinem schweren Archiv wird ein Fest aus Fetzen. Kleine weiße Papierstücke regnen aus der Welt und du stehst nun tintetropfend vor ihm und beginnst zu sprechen.</p>
<p>Du trottest weiter durch die Landkarte, auf Gräbern, aus denen Monumente wachsen. Gedüngter Boden aus idealisierten Erinnerungen. Du wanderst durch kleine Gassen, aus deren Winkel sich die Noten vergangener Musiklegenden quetschen, um dir von einem goldenen Zeitalter zu erzählen. Schritt für Schritt tasten sich deine Füße am Meer vorbei, indem die gespiegelten Wolken Bilder großer Eroberer zeichnen.<br />
Dort zwischen Sand und Felsen sitzt ein Freund. Er schaut dich an, als hätte er auf dich gewartet, doch du weißt, es kann nur Zufall sein. Er berührt deinen Arm und beginnt zu sprechen:<br />
„Du bist kein Volk, keine Nation, keine Kultur, keine Statistik, kein entweder-oder, kein Rechenspiel nationaler Normen, kein Stück eines Puzzles, keine sozialwissenschaftliche Studie, kein Problem, keine Lösung und keine Eventualität.“ Du blickst ihn verwirrt an, denn du weißt nicht, wo du nach dir suchen sollst. So viele Dinge hat dieser Freund nun ausgeschlossen und du bist nicht sicher in welche Richtung du deine Reise nun fortsetzen sollst. Seine sandigen Hände umfassen dein Gesicht und du spürst, dass dein Rucksack gesammelter Eigenschaften nicht mehr auf deine Schultern drückt.<br />
Deine Füße tragen dich weiter über die eingezeichneten Grenzen und Nationen. Du hievst dich beschwerlich einen Berg hinauf. Dort oben siehst du die Konturen unzähliger Städte. Das Farbenspiel der Dächer wirkt wie ein Spielbrett. Doch du kannst die Menschen nicht sehen, weil sie vom Würfel der Zeit überrollt wurden. Nur die großen Denkmäler und historischen Straßen wurden verschont, da sie beim Spiel besonders punkten.</p>
<p>In deinem Gepäck sammelst du Identitätsaufkleber und farbige Eigenschaftsperlen, die du je nach Murmelspiel auspackst.</p>
<p>Du machst dich auf, um dich in der Stadt zu suchen. Zwischen Reklame und Kunst. Zwischen urbaner Coolness und Upper Class. Die Straßenbahn biegt sich wie eine Ziehharmonika zur Haltestellte. Dort zwischen Sitz und Stop-Knopf schaut ein Freund zu dir. Er ist ein Brandstifter. Er zündet deinen prallen Rucksack an. Panisch greifst du nach dir selbst, damit du nicht verschwindest. Doch dort, zwischen Asche und Qualm, erheben sich deine Worte, um gehört zu werden. Dort zwischen Asche und Qualm, wo auch das Rauschen nach einem kurzen Knistern verstummt.</p>
<p>Du hast aufgegeben dein Heim in der Welt zu suchen, denn mit deinen Freunden ist die Welt zum Heim geworden.<br />
Du bist eine pulsierende Ader, die sich durch die Landschaft zieht und das Herz der Begegnung zum Pochen bringt. Dein eigenes Herz.</p>
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		<title>Die Seiltänzerin</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Feb 2012 15:14:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Evelina]]></category>

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		<description><![CDATA[Nahe den Wolken wird ein Seil über den Dächern der Stadt gespannt. Mit einem weißen Schirm bewaffnet, um sichere Balance zu halten, setzt die Seiltänzerin filigran und bedacht einen Fuß vor den anderen, stets in Richtung Horizont. Jede einzelne ihrer Bewegungen nimmt sie bewusst wahr. Ihr Körper ist unbefangen und gleichzeitig voller Spannung. In der frischen Höhe, mit dem sachten Säuseln des Windes in den Ohren, sind ihre Sinne geschärft; sie spürt, dass sie lebt.
Beseelt von einer heiteren Leichtigkeit genießt sie den Ausblick auf die Stadt. Ihre Neugier lenkt ihren Blick auf eine breite, bunte Straße voller Treiben. Die Seiltänzerin setzt ihren Fuß sorgfältig auf dem Seil ab und hält an. Fasziniert beobachtet sie aufmerksam das verrückte Geschehen, das sich unter ihr abspielt[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Nahe den Wolken wird ein Seil über den Dächern der Stadt gespannt. Mit einem weißen Schirm bewaffnet, um sichere Balance zu halten, setzt die Seiltänzerin filigran und bedacht einen Fuß vor den anderen, stets in Richtung Horizont. Jede einzelne ihrer Bewegungen nimmt sie bewusst wahr. Ihr Körper ist unbefangen und gleichzeitig voller Spannung. In der frischen Höhe, mit dem sachten Säuseln des Windes in den Ohren, sind ihre Sinne geschärft; sie spürt, dass sie lebt.<br />
Beseelt von einer heiteren Leichtigkeit genießt sie den Ausblick auf die Stadt. Ihre Neugier lenkt ihren Blick auf eine breite, bunte Straße voller Treiben. Die Seiltänzerin setzt ihren Fuß sorgfältig auf dem Seil ab und hält an. Fasziniert beobachtet sie aufmerksam das verrückte Geschehen, das sich unter ihr abspielt.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen den farbenfrohen Häusern, unten in der Straße, bewegen sich kuriose Lebewesen, die das sanfte Gemüt der Seiltänzerin noch nie zuvor erblickt hat.<br />
Als erstes fallen ihr die schicken, gut dressierten Schoßhündchen auf; Domestizierte, die statt einer Leine Krawatten um den Hals tragen. Sie blickt von oben in die Fenster der mächtigen Häuser, wo Entzauberte missmutig in ihren entseelten Sesseln sitzen, mit grauer Haut und schwarzen Augen; Steuererklärungen füllen ihren Schreibtisch und ihre Regale, während Märchenbücher, von einer dicken Staubschicht bedeckt, vergessen und ungeliebt sich in ihren Kellern verstecken müssen. Etwas anderes lenkt den Blick der Seiltänzerin zurück ins turbulente Geschehen. Ständig huschen ziegelrote Gestalten von einem Ort zum nächsten: Es sind Sparfüchse, die klammheimlich durch die Straße flitzen, die ihre gesamte Zeit in ihr Sparschwein werfen, um es vielleicht – und auch nur vielleicht – später, im hohen Alter, zu schlachten. Vor einem großen, alten Schuppen mit der Aufschrift Werkstatt wartet eine riesige Schlange von unfertigen Robotern, ausschließlich ausgerichtet auf Funktionieren. Alle warten sie mit einem Burn-Out-Defekt auf Reparatur, um ein neues Programm zu bekommen oder um aktualisiert zu werden. In der modernen Kirche, in der es anstatt einem Altar einen Tresor und statt Holzbänken Geldautomaten gibt, verweilen moderne Fanatiker besessen von Scheinen, die für ein bisschen Wohlstand Jedem einen Scheck in Höhe ihres gesamten Gewissens ausstellen. Ängstlich schleichen akkurate Scheuklappenträger an den Rändern der Straße. Voller Furcht davor, sich an diesem farbenprächtigen, wunderbar vielfältigen Ort umzusehen, verläuft ihr Weg nur stur geradeaus. Sie sieht kleine, ernsthafte Erwachsene, die statt mit Zeit zum Spielen und zum Entdecken der Welt, mit Mobiltelefonen, Nachhilfe und G8 ausgerüstet worden sind; mit Input und Output, aber mit nichts dazwischen. Aus dem Altersheim kommen junge, verstörte Alzheimerpatienten heraus, die schon in ihren frühen Jahren zu vergessen begonnen haben, warum sie eigentlich das tun, was sie tun. In den pompösen Salons der Straße sitzen furchteinflößende Clowngestalten, mühevoll geschminkt, mit zu großen Lippen, die Pelzmantelkostüme tragen, irre lachend Klatschblätter lesen und die es im Gegensatz zu Clowns auch noch ernst meinen. Vor dem Salon nimmt ein unsichtbarer Ordnungspolizist aus terminlichen Gründen einen Bürger mit einer Armbanduhr fest, die sich schmerzhaft in sein Handgelenk schürt. Der Ordnungspolizist kennt keine Gnade und schleppt ihn brutal mit sich fort. Ohne die Verhaftung überhaupt bemerkt zu haben, schreiten daneben in müden, gleichmäßigen Schritten ungeheuerliche Wesen, halb Mensch, halb Büste, mit versteinerten Gesichtern, unfähig zu lächeln, das graue Kopfsteinpflaster auf und ab. Und wenn die Seiltänzerin ganz genau hinschaut, kann sie – in den Löchern, unter den Steinen verkrochen – Spinnenmenschen erkennen, die ihre Zeit nur noch im Netz verbringen und immer seltener herauskommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine innere Unruhe breitet sich im Herzen der Seiltänzerin aus. Ihre Unbekümmertheit schwindet dahin, wandelt sich in Schwindelgefühle. Sie gerät ins Taumeln, löst ihren Blick vom rasanten Trubel der Tiefe und sucht sich zu konzentrieren, den weißen Schirm fest mit beiden Händen umklammert.</p>
<p style="text-align: justify;">Nahe den Wolken hoch über den Dächern der Stadt wandert eine Seiltänzerin auf dem schmalen Grad zwischen Vorstellung und Wirklichkeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile ist es kalt geworden und ein immer stärkerer Wind zieht auf.<br />
Das Seil fängt zu Schwanken an, die Wolken ziehen hastig an der Seiltänzerin vorbei. Sie verliert ihren weißen Schirm und sieht ihm zu, bei seinem hilflosen Fall. Sie hatte ihn losgelassen.<br />
Der Wind wird heftiger, das Schwanken des Seils immer gewaltiger.<br />
Raue Windstöße wollen ihr das Gleichgewicht stehlen, suchen sie hinab zu stoßen.</p>
<p style="text-align: justify;">– Beinahe wäre sie gefallen. Hinein in die blinden Verrücktheiten einer neuen Zeit.<br />
Doch sie hat sich wieder gefasst und schreitet fort.<br />
Gleich der unbeschwerten Eleganz einer Feder, den Blick wieder lächelnd nach vorn gerichtet, wandert die Seiltänzerin hoch über den Dächern der Stadt.</p>
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