<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Blog14</title>
	<atom:link href="http://blog14.net/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blog14.net</link>
	<description>Die Magie des Alltags.</description>
	<lastBuildDate>Wed, 22 Feb 2012 21:39:56 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.2.1</generator>
		<item>
		<title>Globetrotter</title>
		<link>http://blog14.net/archives/933</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/933#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 22 Feb 2012 21:05:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Silvia]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=933</guid>
		<description><![CDATA[Der Globus streckt seinen Arm in die Höhe. Dort, zwischen Zeigefinger und Daumen, baumelst du und wartest auf dein Leben. Du wagst den Sprung in die Menschlichkeit und mit dir wird eine neue Welt geboren. Du landest auf der Grenze zwischen hier und dort. Auf dem Boden, wo keine Wurzeln wachsen. Zwischen Eingeboren und vom Storch verloren. Zwischen Identität und Undefinierbarkeit[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Globus streckt seinen Arm in die Höhe. Dort, zwischen Zeigefinger und Daumen, baumelst du und wartest auf dein Leben. Du wagst den Sprung in die Menschlichkeit und mit dir wird eine neue Welt geboren. Du landest auf der Grenze zwischen hier und dort. Auf dem Boden, wo keine Wurzeln wachsen. Zwischen Eingeboren und vom Storch verloren. Zwischen Identität und Undefinierbarkeit.</p>
<p>Du bist bepackt mit einem Archiv voller staubiger Blätter, die sich zu deinen Vorfahren erheben und ihre Tinte an dich drücken. Du stehst vor der Tür der Nation und schaust durch ihr Schlüsselloch. Das Holz verzieht sich zu einer fragenden Fratze: „ Du bist nicht eindeutig, du bist nicht entzifferbar, du darfst die Schwelle nicht passieren.“ Aus der Türspalte brechen verärgerte Töne.<br />
Dir ist eine fremde Welt in die Arme gefallen, die dich nicht umarmen will. Die Zeiger deiner Uhr liegen wie ein Schiffswrack im Fluss der Zeit. Sie weiß einfach nicht, wie sie Ticken soll und bewegt sich deshalb im Vergangenem Takt.</p>
<p>Jedes Mal, wenn die Erde sich einmal um sich selbst dreht, hoffst du, dass den Geistern der Vergangenheit schwindlig wird und sie herunterfallen, damit du ohne Rauschen sprechen kannst.<br />
Du stehst auf der Grenze. Bist ein Kind zweier Nationen ohne eine Nabelschnur. Du bist dein Vorfahre, den auch keiner kennt. Du bist das Resultat fremder Blicke, die dich zu einem Bild gefrieren lassen. Du bist dir selbst fremd.<br />
Deine Hände umfassen die Klinke und mit schwerem Herzen drückst du dich gegen die Tür. Du läufst auf dem Globus und suchst nach dir selbst. Du suchst dich im Museum, zwischen Stein und Meißel der Geschichte. Du suchst dich in den grauen Augen der zu Asche gewordenen Gebäude. Du suchst dich in den Falten der Tradition und alterst mit ihren Werten.<br />
Du suchst dich zwischen Meer und Küste, zwischen Norden und Süden, zwischen Rosenkranz und Kommunismus, zwischen Erwartung und Enttäuschung.<br />
Dort zwischen Herbst und Laub begegnest du einem Freund. Kleine Funken tanzen aus seinem Mund und setzen sich in deine Augen. Seine Worte bauen sich auf zu einem Sturm und aus deinem schweren Archiv wird ein Fest aus Fetzen. Kleine weiße Papierstücke regnen aus der Welt und du stehst nun tintetropfend vor ihm und beginnst zu sprechen.</p>
<p>Du trottest weiter durch die Landkarte, auf Gräbern, aus denen Monumente wachsen. Gedüngter Boden aus idealisierten Erinnerungen. Du wanderst durch kleine Gassen, aus deren Winkel sich die Noten vergangener Musiklegenden quetschen, um dir von einem goldenen Zeitalter zu erzählen. Schritt für Schritt tasten sich deine Füße am Meer vorbei, indem die gespiegelten Wolken Bilder großer Eroberer zeichnen.<br />
Dort zwischen Sand und Felsen sitzt ein Freund. Er schaut dich an, als hätte er auf dich gewartet, doch du weißt, es kann nur Zufall sein. Er berührt deinen Arm und beginnt zu sprechen:<br />
„Du bist kein Volk, keine Nation, keine Kultur, keine Statistik, kein entweder-oder, kein Rechenspiel nationaler Normen, kein Stück eines Puzzles, keine sozialwissenschaftliche Studie, kein Problem, keine Lösung und keine Eventualität.“ Du blickst ihn verwirrt an, denn du weißt nicht, wo du nach dir suchen sollst. So viele Dinge hat dieser Freund nun ausgeschlossen und du bist nicht sicher in welche Richtung du deine Reise nun fortsetzen sollst. Seine sandigen Hände umfassen dein Gesicht und du spürst, dass dein Rucksack gesammelter Eigenschaften nicht mehr auf deine Schultern drückt.<br />
Deine Füße tragen dich weiter über die eingezeichneten Grenzen und Nationen. Du hievst dich beschwerlich einen Berg hinauf. Dort oben siehst du die Konturen unzähliger Städte. Das Farbenspiel der Dächer wirkt wie ein Spielbrett. Doch du kannst die Menschen nicht sehen, weil sie vom Würfel der Zeit überrollt wurden. Nur die großen Denkmäler und historischen Straßen wurden verschont, da sie beim Spiel besonders punkten.</p>
<p>In deinem Gepäck sammelst du Identitätsaufkleber und farbige Eigenschaftsperlen, die du je nach Murmelspiel auspackst.</p>
<p>Du machst dich auf, um dich in der Stadt zu suchen. Zwischen Reklame und Kunst. Zwischen urbaner Coolness und Upper Class. Die Straßenbahn biegt sich wie eine Ziehharmonika zur Haltestellte. Dort zwischen Sitz und Stop-Knopf schaut ein Freund zu dir. Er ist ein Brandstifter. Er zündet deinen prallen Rucksack an. Panisch greifst du nach dir selbst, damit du nicht verschwindest. Doch dort, zwischen Asche und Qualm, erheben sich deine Worte, um gehört zu werden. Dort zwischen Asche und Qualm, wo auch das Rauschen nach einem kurzen Knistern verstummt.</p>
<p>Du hast aufgegeben dein Heim in der Welt zu suchen, denn mit deinen Freunden ist die Welt zum Heim geworden.<br />
Du bist eine pulsierende Ader, die sich durch die Landschaft zieht und das Herz der Begegnung zum Pochen bringt. Dein eigenes Herz.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/933/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Seiltänzerin</title>
		<link>http://blog14.net/archives/929</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/929#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 19 Feb 2012 15:14:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Evelina]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=929</guid>
		<description><![CDATA[Nahe den Wolken wird ein Seil über den Dächern der Stadt gespannt. Mit einem weißen Schirm bewaffnet, um sichere Balance zu halten, setzt die Seiltänzerin filigran und bedacht einen Fuß vor den anderen, stets in Richtung Horizont. Jede einzelne ihrer Bewegungen nimmt sie bewusst wahr. Ihr Körper ist unbefangen und gleichzeitig voller Spannung. In der frischen Höhe, mit dem sachten Säuseln des Windes in den Ohren, sind ihre Sinne geschärft; sie spürt, dass sie lebt.
Beseelt von einer heiteren Leichtigkeit genießt sie den Ausblick auf die Stadt. Ihre Neugier lenkt ihren Blick auf eine breite, bunte Straße voller Treiben. Die Seiltänzerin setzt ihren Fuß sorgfältig auf dem Seil ab und hält an. Fasziniert beobachtet sie aufmerksam das verrückte Geschehen, das sich unter ihr abspielt[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Nahe den Wolken wird ein Seil über den Dächern der Stadt gespannt. Mit einem weißen Schirm bewaffnet, um sichere Balance zu halten, setzt die Seiltänzerin filigran und bedacht einen Fuß vor den anderen, stets in Richtung Horizont. Jede einzelne ihrer Bewegungen nimmt sie bewusst wahr. Ihr Körper ist unbefangen und gleichzeitig voller Spannung. In der frischen Höhe, mit dem sachten Säuseln des Windes in den Ohren, sind ihre Sinne geschärft; sie spürt, dass sie lebt.<br />
Beseelt von einer heiteren Leichtigkeit genießt sie den Ausblick auf die Stadt. Ihre Neugier lenkt ihren Blick auf eine breite, bunte Straße voller Treiben. Die Seiltänzerin setzt ihren Fuß sorgfältig auf dem Seil ab und hält an. Fasziniert beobachtet sie aufmerksam das verrückte Geschehen, das sich unter ihr abspielt.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen den farbenfrohen Häusern, unten in der Straße, bewegen sich kuriose Lebewesen, die das sanfte Gemüt der Seiltänzerin noch nie zuvor erblickt hat.<br />
Als erstes fallen ihr die schicken, gut dressierten Schoßhündchen auf; Domestizierte, die statt einer Leine Krawatten um den Hals tragen. Sie blickt von oben in die Fenster der mächtigen Häuser, wo Entzauberte missmutig in ihren entseelten Sesseln sitzen, mit grauer Haut und schwarzen Augen; Steuererklärungen füllen ihren Schreibtisch und ihre Regale, während Märchenbücher, von einer dicken Staubschicht bedeckt, vergessen und ungeliebt sich in ihren Kellern verstecken müssen. Etwas anderes lenkt den Blick der Seiltänzerin zurück ins turbulente Geschehen. Ständig huschen ziegelrote Gestalten von einem Ort zum nächsten: Es sind Sparfüchse, die klammheimlich durch die Straße flitzen, die ihre gesamte Zeit in ihr Sparschwein werfen, um es vielleicht – und auch nur vielleicht – später, im hohen Alter, zu schlachten. Vor einem großen, alten Schuppen mit der Aufschrift Werkstatt wartet eine riesige Schlange von unfertigen Robotern, ausschließlich ausgerichtet auf Funktionieren. Alle warten sie mit einem Burn-Out-Defekt auf Reparatur, um ein neues Programm zu bekommen oder um aktualisiert zu werden. In der modernen Kirche, in der es anstatt einem Altar einen Tresor und statt Holzbänken Geldautomaten gibt, verweilen moderne Fanatiker besessen von Scheinen, die für ein bisschen Wohlstand Jedem einen Scheck in Höhe ihres gesamten Gewissens ausstellen. Ängstlich schleichen akkurate Scheuklappenträger an den Rändern der Straße. Voller Furcht davor, sich an diesem farbenprächtigen, wunderbar vielfältigen Ort umzusehen, verläuft ihr Weg nur stur geradeaus. Sie sieht kleine, ernsthafte Erwachsene, die statt mit Zeit zum Spielen und zum Entdecken der Welt, mit Mobiltelefonen, Nachhilfe und G8 ausgerüstet worden sind; mit Input und Output, aber mit nichts dazwischen. Aus dem Altersheim kommen junge, verstörte Alzheimerpatienten heraus, die schon in ihren frühen Jahren zu vergessen begonnen haben, warum sie eigentlich das tun, was sie tun. In den pompösen Salons der Straße sitzen furchteinflößende Clowngestalten, mühevoll geschminkt, mit zu großen Lippen, die Pelzmantelkostüme tragen, irre lachend Klatschblätter lesen und die es im Gegensatz zu Clowns auch noch ernst meinen. Vor dem Salon nimmt ein unsichtbarer Ordnungspolizist aus terminlichen Gründen einen Bürger mit einer Armbanduhr fest, die sich schmerzhaft in sein Handgelenk schürt. Der Ordnungspolizist kennt keine Gnade und schleppt ihn brutal mit sich fort. Ohne die Verhaftung überhaupt bemerkt zu haben, schreiten daneben in müden, gleichmäßigen Schritten ungeheuerliche Wesen, halb Mensch, halb Büste, mit versteinerten Gesichtern, unfähig zu lächeln, das graue Kopfsteinpflaster auf und ab. Und wenn die Seiltänzerin ganz genau hinschaut, kann sie – in den Löchern, unter den Steinen verkrochen – Spinnenmenschen erkennen, die ihre Zeit nur noch im Netz verbringen und immer seltener herauskommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine innere Unruhe breitet sich im Herzen der Seiltänzerin aus. Ihre Unbekümmertheit schwindet dahin, wandelt sich in Schwindelgefühle. Sie gerät ins Taumeln, löst ihren Blick vom rasanten Trubel der Tiefe und sucht sich zu konzentrieren, den weißen Schirm fest mit beiden Händen umklammert.</p>
<p style="text-align: justify;">Nahe den Wolken hoch über den Dächern der Stadt wandert eine Seiltänzerin auf dem schmalen Grad zwischen Vorstellung und Wirklichkeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile ist es kalt geworden und ein immer stärkerer Wind zieht auf.<br />
Das Seil fängt zu Schwanken an, die Wolken ziehen hastig an der Seiltänzerin vorbei. Sie verliert ihren weißen Schirm und sieht ihm zu, bei seinem hilflosen Fall. Sie hatte ihn losgelassen.<br />
Der Wind wird heftiger, das Schwanken des Seils immer gewaltiger.<br />
Raue Windstöße wollen ihr das Gleichgewicht stehlen, suchen sie hinab zu stoßen.</p>
<p style="text-align: justify;">– Beinahe wäre sie gefallen. Hinein in die blinden Verrücktheiten einer neuen Zeit.<br />
Doch sie hat sich wieder gefasst und schreitet fort.<br />
Gleich der unbeschwerten Eleganz einer Feder, den Blick wieder lächelnd nach vorn gerichtet, wandert die Seiltänzerin hoch über den Dächern der Stadt.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/929/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Verschwinden der Welt</title>
		<link>http://blog14.net/archives/924</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/924#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Feb 2012 11:57:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedanken & Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Fiona]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=924</guid>
		<description><![CDATA[Die Welt ist mir vor die Füße gefallen. Einfach so.
Ich ging durch die Straßen und der Wind brachte noch die letzten Überreste der Nacht, in halbdunklen Wellen wehte sie über den Gehsteig, als wüsste sie nicht mehr, wo sie hingehörte. Die Straßenlaternen flackerten unsicher durch das Dämmerlicht, nicht sicher, ob sie dem anbrechenden Tag vertrauen konnten[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Welt ist mir vor die Füße gefallen. Einfach so.<br />
Ich ging durch die Straßen und der Wind brachte noch die letzten Überreste der Nacht, in halbdunklen Wellen wehte sie über den Gehsteig, als wüsste sie nicht mehr, wo sie hingehörte. Die Straßenlaternen flackerten unsicher durch das Dämmerlicht, nicht sicher, ob sie dem anbrechenden Tag vertrauen konnten. Ich war der Stadt vor die Füße gelaufen, hier, in ihren Außenbezirken, wo nur noch ausgefranste Gehsteige den glanzlosen Rasen säumten und sich kleine Häuser eng aneinanderdrückten, um nicht in den Rändern verloren zu gehen. Vorsichtig schlich sich ein Schritt vor den anderen, als hätten meine Füße nicht das Recht, die wabernde Stille der noch nachtblauen Straßen zu unterbrechen. Durch die Häuserschluchten drängte sich bereits fahle Helle, der dunkle Teer blieb davon unberührt. Mein Gang zog sich weit über die Straßen hinweg, leichtfertig, als wäre er bereits verwischt. Hier, wo still und heimlich der Tag erwartet wurde, sich dunkle Häuserschatten und versteckte Winkel im dumpfen Sehnen durch ihre Träume kämpften, war ich nur ein stummer Zeuge. Als wäre ich bereits abwesend, kam mir das Gehen wie ein Verlassen vor. Ich ließ die Straßen zurück, die sich so einfältig durch die Häuser zogen, ich ließ die Gebäude zurück, die sich noch unsicher vor dem hellen Himmel duckten. Ich ließ die Zeit zurück, die vergehen könnte, als sollte sie hier ohne mich ablaufen. Ich blickte auf nackte emporgereckte Zweige und einsame Haustüren und vergaß sie sogleich wieder. Ich zog an blinden Fenstern vorbei, die sorgfältig das Leben in sich verbargen, und blieb von ihnen unberührt. Die  Dämmerung durchzog ein leises Flackern. Meine Schritte verschoben sich, verschwanden noch bevor sie den Boden erreichten. Es war, als hielte selbst der Wind den Atem an. Ich ging weiter – und ging doch nicht. Ich ließ die Schritte hinter mir zurück – und tat sie doch nur aufs Neue. Zwischen der Geometrie der Häuser sah ich langsam etwas aufgehen, wie einen Spalt, der sich zwischen den dunklen Schemen in die Helligkeit verlor. War ich gegangen? Oder  hatte sich die Welt nur ohne mich bewegt? Hatte ich mich nicht einfach aufgelöst, so, wie der Teer sich langsam unter dem fahlen Licht löste, aufgelöst wie der Rest der farblosen Nacht, der nur noch in den Zweigen der Bäume und in dunklen Ecken hing. War ich mir nicht gefolgt, all die Zeit lang, und hatte nun vergessen was zurückblieb? Und wie ich die Straßen einnahm, langsam, wie ein Schatten, ein vorsichtiger Eroberer, mich der Laterne näherte, der Nächsten, die kaum unter dem fahlen Himmel erloschen war, mich an dem Lichtfunken wärmte, der nur noch in der Erinnerung brannte.<br />
Die Welt ist mir vor die Füße gefallen. Einfach so. Hat zwischen Nacht und Tag aufgehört zu atmen, sich nicht mehr bewegt, ist in ihre eigenen unsicheren Konturen zurückgefallen, in ihre eigene formlose Gestalt, farblos, zeitlos, verschwindend. Angehalten, zwischen den Sekunden verloren gegangen. Und nur wenn ich jetzt den Fuß hebe, den letzten Fuß dieser Stadt, nur dann wird sie sich wieder erheben können, das weiß ich.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/924/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Logbuch</title>
		<link>http://blog14.net/archives/913</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/913#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 10 Feb 2012 20:24:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte, Raps & Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=913</guid>
		<description><![CDATA[Fünfter Juli.

Logbuch eines Studenten der Geisteswissenschaft.
Eines geistigen Studenten der Wissenschaft.
Eines Studenten unwissend seines Geistes.
Eines Geistes.
Eines Gespenstes.

Eines Gespenstes und eines Bettlakens,
die bis gerade noch im Bett lagen,
und nach dem Zweck fragten,
warum sonntags einen Fuß oder sich ganz aus dem warmen Bett wagen?[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fünfter Juli.</p>
<p>Logbuch eines Studenten der Geisteswissenschaft.<br />
Eines geistigen Studenten der Wissenschaft.<br />
Eines Studenten unwissend seines Geistes.<br />
Eines Geistes.<br />
Eines Gespenstes.</p>
<p>Eines Gespenstes und eines Bettlakens,<br />
die bis gerade noch im Bett lagen,<br />
und nach dem Zweck fragten,<br />
warum sonntags einen Fuß oder sich ganz aus dem warmen Bett wagen?<br />
Eines Langschläfers ohne Lust auf Frühstück.<br />
Eines Kaffeetrinkers, längst süchtig, ohne Chance auf ein Zurück.<br />
Eines Halunken, Rabauken, Gedanken voller Schabernack.<br />
Aber nur weil die Wörter so schön klingen, eigentlich ein Labersack.</p>
<p>Eines Schreiberlings, eines Hochstaplers.<br />
Eines kleinen Kindes mit schräger Tonlage,<br />
abgelegener Wohnlage,<br />
ohne Frage,<br />
nicht die beste Gegend, wo Frauen ein Kind und Kinder einen Sohn haben.<br />
Eines Hochseilartisten,<br />
Individualisten,<br />
an dem sie nie Talent, doch immer Engagement vermissten.<br />
Eines Nachfahren des Affen oder Ebenbild des Bibelgottes.<br />
Eines Duschenpopstars und Badezimmerspiegelmodels.<br />
Eines Traumtänzers voller Kreativität,<br />
aber eingeschlafen auf dem Boden der Realität.</p>
<p>Eines Weinkenners, den aber niemand weinen sieht.<br />
Einer Leitfigur, die jedoch niemand leiden sieht.</p>
<p>Eines Tunichtguts und Tunichtschlechts, doch Irgendwas dazwischen.<br />
Eines Taugenichts, dem es missfällt, mal irgendwas zu müssen.<br />
Eines schmächtig kleinen Isnogoods, der nie Kalif sein wollte,<br />
der lieber mit Vampiren flog und mit Schimpansen trollte.<br />
Eines Phantoms im Innenhof beim Verstecken Spielen.<br />
Eines verstaubten Rucksackvagabunden beim In-die-Ferne-Schielen.<br />
Eines Nostalgikers und großen Bruders, Freund der guten Witze,<br />
eines Vaterverehrers, Gitarrenspielers, Bielefelders – ja, das gibt es!<br />
Eines Vieles-Anfängers, aber Wenig-zu-Ende-Bringers,<br />
eines Serien-in-der-Regel-gut , doch Family Guy Besser-Finders.<br />
Eines Gefühlschaoten, Psychopathen, Paranoia, Stresssymptoms,<br />
dessen dunkelblonden Kopf inzwischen fünfzehn Ichs bewohnen.<br />
Und diese Ichs sind selbst auch schizophren!</p>
<p>Eines Angebers, eines Medienopfers.<br />
Eines angehenden Medienforschers?<br />
Eines Logbuchverfassers,<br />
Lockruferhaschers,<br />
Killepitsch und Pottrumhassers.<br />
Eines ungesunden Fastfood-Freunds, der seinen Magen ignoriert,<br />
und sich an anderen Tagen wie besessen in einem Pizzarausch verliert.<br />
Eines Ordnungsfreaks, Fanatikers, Filme-Liebhabers.<br />
Eines Sammlers, eines „Kopf hoch“- und „Sag niemals nie“-Sagers.<br />
Dem Inbegriff der Eitelkeit,<br />
doch der zuhause auf den Scheitel scheißt<br />
und lieber Schlabberhosen trägt.</p>
<p>Der früher HipHopper war.<br />
Der früher Skater war.<br />
Der früher so viel war, was er noch heute gerne wär.<br />
Der früher so viel war, was ihm die Leute heut verwehren.<br />
Mit Universität und Erwachsensein.<br />
Mit Männern ohne Brustbehaarung und gewachsten Beinen.<br />
Mit ohne guter Livemusik für unter hundert Euro.<br />
Und was heute Coolness heißt, hieß früher einmal pseudo.</p>
<p>Eines Studenten, wie gesagt, der Geisteswissenschaft,<br />
der nicht glaubt, dass er damit den Sprung ins „wahre Leben“ schafft.<br />
Der so lang vor seinem Logbuch sitzt, es füllt sich schließlich nicht allein,<br />
doch heute bleibt das Blatt wohl leer, denn ihm fällt nichts Gescheites ein.</p>
<p>Fünfter Juli.<br />
Kein Eintrag.<br />
Logbuch Ende.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/913/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Abschied nehmen</title>
		<link>http://blog14.net/archives/903</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/903#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 07 Feb 2012 15:35:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedanken & Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=903</guid>
		<description><![CDATA[Wann habe ich angefangen, im Gestern und im Morgen, wann habe ich aufgehört, im Jetzt zu sein? Abschiede verfolgen uns jeden Tag. Abschiede von Gegenständen, die zerbrechen, von geliebten Menschen, deren Körper eine Pause brauchen. Von Wiesen, die bebaut werden, von Vögeln, die davon fliegen. Und in jeder Sekunde müssen wir uns auch vom Augenblick [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><em>Wann habe ich angefangen, im Gestern und im Morgen, wann habe ich aufgehört, im Jetzt zu sein?</em></p>
<p style="text-align: left;">Abschiede verfolgen uns jeden Tag.<br />
Abschiede von Gegenständen, die zerbrechen, von geliebten Menschen, deren Körper eine Pause brauchen. Von Wiesen, die bebaut werden, von Vögeln, die davon fliegen.<br />
Und in jeder Sekunde müssen wir uns auch vom Augenblick verabschieden.<br />
Das, was jetzt ist, ist jetzt schon wieder Vergangenheit.</p>
<p style="text-align: center;"><em>In ständiger Begleitung vom Abschied, so frage ich, warum wir uns doch nie an ihn gewöhnen? Aus Erfahrung müssten wir nun eigentlich wissen, dass das schwere Herz bald wieder gesundet, denn auf jeden Abschied folgt ein Anfang.</em></p>
<p style="text-align: left;">Dem Schmerz ist es egal, ob es einen Morgen gibt.<br />
Er sucht Hilfe im Gestern und muss im Moment des Abschieds feststellen, dass es vergebens ist. Vorm Abschied möchte der Körper flüchten, doch kann er nicht, weil seine Seele bleiben will und ihn zurückhält. Fast schon gewaltsam reißt sie ihm die Augen auf und richtet seinen Blick auf das Geschehen.</p>
<p style="text-align: center;"><em>&gt;&gt;Genieße den Moment&lt;&lt;  flüstert sie  &gt;&gt;was Du spürst, ist nicht Schmerz, sondern Liebe&lt;&lt;</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/903/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Asymmetrische Altersanpassung</title>
		<link>http://blog14.net/archives/900</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/900#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 18:29:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedanken & Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Yannick]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=900</guid>
		<description><![CDATA[Ich habe da eine Theorie das Lebensalter betreffend, die die bisherigen Erkenntnisse der Gerontologie, oder vielmehr den geführten Diskurs in den Alterswissenschaften auf den Kopf stellen wird. Meiner Theorie folgend ist das Alter kein fester Punkt auf einer Linie, sondern dynamisch. Es steht ganz in der darwinistischen Tradition des „survival of the fittest“ und besitzt daher die Fähigkeit, sich an gewisse Alltagssituationen anzupassen. Die Prozesse des Alterns und der Verjüngung treten hierbei plötzlich auf und sind nur auf den Augenblick der Situation begrenzt. Das Problem hierbei ist nur, dass sich das Alter nicht im Sinne Darwins der Situation anpasst, also sich in seine Umwelt einfügt, um auf Veränderungen reagieren zu können. Ganz im Gegenteil: Das Alter besitzt statt eines evolutionären, einen revolutionären Charakter[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">Ich habe da eine Theorie das Lebensalter betreffend, die die bisherigen Erkenntnisse der Gerontologie, oder vielmehr den geführten Diskurs in den Alterswissenschaften auf den Kopf stellen wird. Meiner Theorie folgend ist das Alter kein fester Punkt auf einer Linie, sondern dynamisch. Es steht ganz in der darwinistischen Tradition des „survival of the fittest“ und besitzt daher die Fähigkeit, sich an gewisse Alltagssituationen anzupassen. Die Prozesse des Alterns und der Verjüngung treten hierbei plötzlich auf und sind nur auf den Augenblick der Situation begrenzt. Das Problem hierbei ist nur, dass sich das Alter nicht im Sinne Darwins der Situation anpasst, also sich in seine Umwelt einfügt, um auf Veränderungen reagieren zu können. Ganz im Gegenteil: Das Alter besitzt statt eines evolutionären, einen revolutionären Charakter. Es verhält sich jeweils asymmetrisch zu den gegebenen Umständen. Situation und Alter bilden hierbei ein dialektisches Gegensatzpaar. Gemäß dieser Erkenntnisse nenne ich diesen Vorgang asymmetrischer Alteranpassungsprozess. Um verständlich zu machen, wie dieser abstrakte Gedankengang gemeint ist, möchte ich folgend einige anschauliche Beispiele geben, die meine Theorie untermauern sollen:</p>
<p style="text-align: justify;">Angenommen irgendein 25 jähriges Individuum, nennen wir es Y* betritt eine Diskothek. Sobald der Eintritt an der Kasse bezahlt ist und Y gestempelt wurde, fühlt es sich schlagartig, als wäre es um sechzig Jahre gealtert. Für das nun 85 jährige Y sind alle Stimmen dumpf und kommen aus weiter Ferne, alles ist viel zu hektisch und zu schnell. Die Musik ist viel zu laut. Jeder Song hört sich gleich an. Es ist wie in einer Endlosschleife auf einer Großbaustelle gefangen zu sein. Kreissägen, Betonmischer, Presslufthammer und schreiende Vorarbeiter. Immer auf der Suche nach der nächsten Sitzgelegenheit, doch kaum hat Y einmal die alten Knochen auf einem Barhocker geparkt, ruft auch schon die Blase und Y muss das gemütliche Plätzchen aufgeben. Der von Arthritis geplagte Körper schreit nach einem Rollator und nicht nach einem Tanzpartner.</p>
<p style="text-align: justify;">Betrachtet man die gleiche Szenerie wenige Stunden später: Y hat seinen Durst mit einigen eisgekühlten, alkoholischen Getränken gestillt und somit sein momentanes Lebensalter stetig gesenkt. Die hübsche Frau auf dem Barhocker neben ihm wendet sich ihm zu und spricht es an. Hier setzt wieder die asymmetrische Altersanpassung ein. Y befindet sich nun mitten in seiner pubertären Phase, ist vielleicht 15 oder 16 Jahre alt. Es kann sich nicht mehr vernünftig artikulieren, stammelt vor sich hin und lacht an den falschen Stellen. Es versucht sich besonders cool zu geben und tritt dabei von einem Fettnäpfchen ins Nächste. Die Gesprächspartnerin, von Ys Verhalten erschreckt, verlässt schließlich die Bar und entschwindet Richtung Tanzfläche.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einigen weiteren Drinks ist die natürliche Schamschwelle in Y gebrochen und es wagt sich mit unsicherem, schwankenden Gang auf die Tanzfläche. Es versucht vergeblich, langsam die ruckartigen Bewegungen seiner Extremitäten den wummernden Bässen des Diskosounds anzupassen. Dazu nickt es vollkommen a-rhythmisch mit seinem Kopf und bewegt seine Lippen zu dem Gesang, der ihm völlig unbekannten Songs, um mit seiner Textsicherheit andere Diskothekenbesucher zu beeindrucken. Die wilden, unkontrollierten Ganzkörperzuckungen des Ys wirken wie kurze epileptische Anfälle und erinnern eher an Heinrich Hoffmanns Zappel-Phillip als an einen geschmeidigen Tänzer. Eine vorschnelle Rückführung von Ys Verhalten auf den abendlichen Alkoholkonsum wäre ein fataler Fehlschluss. Bei diesem Phänomen, wie bei den vorher beschriebenen, handelt es sich um ein Symptom des asymmetrischen Altersanpassungsprozesses. Die unbeholfenen und tapsigen Bewegungen verraten dem kundigen Beobachter, dass Ys Lebensalter sich weiter verringert hat. Hört man zudem die kläglichen, lallenden, rudimentären Kommunikationsversuche, die denen eines Babys stark ähneln, wird schnell klar, dass Y in die frühkindliche Entwicklungsphase zurückversetzt ist und ungefähr zwischen dem Zehnten und Sechzehnten Lebensmonat verortet werden kann.</p>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Morgen sitzt Y im Hörsaal der Universität. Anstatt aufmerksam dem referierenden Dozenten zu folgen und sich strebsam Notizen zu machen, verhält sich das unter dem Einfluss von mangelndem Schlaf und des Restalkohols im Blut stehende Y, wie ein Zehnjähriger. Es erfreut sich an seinem gekauften Überraschungs-Ei. Nach dem kurzweiligen Vergnügen von Schokolade und Bastelspaß zielt Y und wirft die zusammengeknüllte Folie, die gelbe, leere Eihülle und schließlich auch die Bastelüberraschung in die Federmappe einer Kommilitonin und ballt jubelnd die Siegerfaust. Y malt lustige Bildchen von Phantasiewesen auf die Seiten seines Collegeblocks und summt vor sich hin. Es macht Faxen und hat am Ende der Vorlesung nicht ein Wort des Dozenten mitbekommen, geschweige denn irgendetwas mitgeschrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Durch die gewählten Beispiele ist die von mir aufgestellte Ausgangshypothese hinreichend bestätigt. Das Lebensalter ist ein dynamischer Prozess, der keinesfalls einer linearen Struktur folgt. Die sich hieraus ergebenden Fragestellungen sind die zukünftigen Aufgaben der Altersforschung, die mit empirischen Feldstudien und Forschungsarbeit in verschieden Situationen zu lösen sind.</p>
<p style="text-align: justify;">*Y ist ein rein zufällig gewählter Buchstabe. Das Individuum entspricht keiner realen Person. Alle Ähnlichkeiten mit einer realen Person oder deren Verhalten sind ebenfalls reiner Zufall.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/900/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Spur</title>
		<link>http://blog14.net/archives/890</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/890#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 12:13:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Silvia]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=890</guid>
		<description><![CDATA[An der Haltestelle kontrolliere ich mit nervösen Blicken den Inhalt meiner Tasche. Habe ich auch wirklich alles dabei, was ich brauche? Das Wichtigste wartet in einem kleinen Reißverschlussfach auf seinen Einsatz. Ich nehme Platz auf den alten, grün gepolsterten Ledersitzen. Die Bahn fährt holprig und ruckelig den Weg in meine Zukunft. Die Regentropfen zittern über [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;">An der Haltestelle kontrolliere ich mit nervösen Blicken den Inhalt meiner Tasche. Habe ich auch wirklich alles dabei, was ich brauche? Das Wichtigste wartet in einem kleinen Reißverschlussfach auf seinen Einsatz.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich nehme Platz auf den alten, grün gepolsterten Ledersitzen. Die Bahn fährt holprig und ruckelig den Weg in meine Zukunft. Die Regentropfen zittern über die verkratzten Scheiben und fließen ineinander, um sich dann doch wieder zu trennen. Widerspenstig ist die Luft zum Atmen. Gewichtig und trotzig presst sie sich auf meine Brust.<br />
Die Zeit ist abgeblättert und nun ist die Uhr nicht mehr zu erkennen. So lange konnte ich auf Auswegen wandern, um diese Situation zu verhindern. Die Klinke meines Hintertürchens ist abgebrochen und der Backsteinboden meines Auswegs ist mit den verstrichenen Monaten löchrig geworden. Meine Beine drücken meinen Körper hoch. Die roten Backsteine fallen in einer großen Welle ins Nichts hinein. Nun stehe ich auf dem Boden der Realität.<br />
Aus den Fenstern der kleinen, urigen Kneipen der Altstadt tropfen bunte Lichtflecken. Stimmen fliegen über die Straße und verschwinden zwischen all den Schritten. Wie Geschichten auf zwei Beinen folgen die Fußgänger dem Ort, der bereits in ihrem Kopf ist. Der Ort, der in der Zukunft spielt und ihre Augen zügelt. Sie laufen durch das Weltgeflüster, ohne ihm ein Ohr zu schenken. Sie jagen durch die Zeit, und fangen sich selbst. Ihr Gepäck ist voller Möglichkeiten, die nicht möglich sind.<br />
Sie setzen Fuß an Fuß ohne zu wissen, dass sie eine Spur hinterlassen, eine Spur, die flüstert.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich fühle den buckligen Boden unter mir. Ganz und gar zufällig, ja fast schon wild sind die Steine mit dem Zement verwachsen. Sie haben viele Menschen gesehen. Waren mal Zeugen, mal Zuschauer. Mal waren sie Halt, mal stellten sie sich tückisch, sie lösten sich auf, waren mal Weg, mal Schicksal, mal Auge, mal Freund, mal Fremder, mal waren sie unsichtbar.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir sitzen uns an einem verbeulten Tisch gegenüber. Ein Kellner stellt das Bier auf die unebene Platte und schlappt gleichgültig zurück zur Theke. Du schaust auf die vielen Kratzer und Inschriften im Holz. Deine Lippen sind fest aufeinander gepresst. Du blickst auf, ohne deinen Kopf zu heben.<br />
Dein Mund beginnt Worte zu formen. Durch dein undurchdringbares Antlitz schlägt nur ein penetrantes Rauschen zu mir. Doch es ist egal was du sagst, denn ich wusste es bereits, als ich meine Taschentücher beim Zumachen meines Reißverschlusses auf diesen Moment warten ließ.<br />
Obwohl ich nicht höre was du sprichst, spüre ich, wie deine Buchstaben mich erwürgen. Dich hier zu sehen, in ein Gesicht zu blicken, das ich nicht mehr kenne, lässt mich um ein Gleichgewicht ringen, das ich schon längst nicht mehr habe. Doch ich verliere, denn dein Blick schubst mich gewaltig und ich falle.<br />
Ich falle in mich hinein. Ich falle in einen Raum, in dem sich die Luft nicht atmen lässt. In dem alles schwindelt und sich die Umrisse weigern stehen zu bleiben. Ein Raum, in dem mich die Schwerkraft zu Boden drückt und meine Gedanken ohnmächtig werden. Ein Raum, in dem meine Wünsche in den Rissen versickern und meine Wangen hinunterlaufen. Ich bin in mir verloren. Der Raum wird immer enger und schließlich bin ich in mir verschwunden. Mein Herz schlägt, es schlägt mich. Du schaust mich an, du schaust nichts an.<br />
Meine Finger krallen sich mit letzter Kraft an den Tisch. Ein tiefer Kratzer bohrt sich in das Holz. Mein Körper steht auf und geht.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Tisch bleibt zurück, unverabschiedet von dem Besucher, der seine Gastfreundschaft nicht zu würdigen weiß. Von dem Reisenden, der nicht einmal weiß, dass er Gast sein durfte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Ehepaar setzt sich lachend an einen Tisch in einer kleinen Kneipe in der Altstadt. Auf diesem Tisch ist eine Narbe, die eine Geschichte flüstert. Diese Geschichte ist stumm und doch mächtig an Wissen.<br />
Im Mülleimer sitzt ein triefendes Taschentuch, über das der Kellner zerfetzte Bierdeckel schmeißt. Der Spiegel hat ein verzweifeltes Gesicht gesehen. Das Waschbecken hat eine zittrige Hand gespürt. Das Bierglas hat ungeküsste Lippen berührt. Der Stuhl hat einen leblosen Körper getragen. Sie flüstern, die Stimmen, doch sie sind heiser geworden, weil die Menschen ihnen nicht zuhören.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich öffne meine Augen. Inzwischen sind die Regentropfen getrocknet und die Sonne quillt durch die matten Scheiben der Bahn. Ohne es geahnt zu haben, hat mich meine Spur erneut Heim gesucht. Durch eine Zeitspalte dringt sie aus vergangenen Zeiten und aus vergangen Orten zu mir. Sie nimmt mich mit auf eine Reise durch Winkel meines Lebens, die mir bisher verborgen blieben, weil meine Augen durch eine Schablone sahen, weil meine Ohren Frequenzen ausblendeten und weil ich nur dem Ort in meinem Kopf folgte, der in der Zukunft spielte, ohne auch nur für einen Moment richtig da gewesen zu sein.<br />
Tief in meine Erinnerung hineingezogen, stellt mich meine Spur vor einen Spiegel. Ich sehe das verzweifelte Gesicht, das der Spiegel in der Kneipe damals sah, und ich sehe mein Gesicht von heute.<br />
Ich beginne mich zu begreifen, ohne mich jemals ganz zu verstehen.<br />
Meine Finger gleiten in die Tasche und öffnen den Reißverschluss. Diesmal werden keine zerflossenen Träume getrocknet. Ich greife nach einem Ticket, das den Weg in meine Zukunft einlöst. Eine Zukunft, die ihre Spuren hinterlassen wird.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/890/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Irgendwo</title>
		<link>http://blog14.net/archives/887</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/887#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 10:45:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte, Raps & Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=887</guid>
		<description><![CDATA[Irgendwo zwischen mir und mir selbst
Such ich irgendwo ein Irgendwo für mich und mich selbst.

Irgendwo zwischen hier und da
Meinem Bier und der Bar
Zwischen nah und fern
Zwischen Paris und Dakar
Irgendwo zwischen Zukunft und Morgen
Zwischen hunderten Orten[...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Irgendwo zwischen mir und mir selbst<br />
Such ich irgendwo ein Irgendwo für mich und mich selbst.</p>
<p>Irgendwo zwischen hier und da<br />
Meinem Bier und der Bar<br />
Zwischen nah und fern<br />
Zwischen Paris und Dakar<br />
Irgendwo zwischen Zukunft und Morgen<br />
Zwischen hunderten Orten<br />
Zwischen geboren und verstorben<br />
Irgendwo zwischen Feuer und Flamme<br />
Zwischen Bäumen und Wald<br />
Mond und Sonne, Kaffee und Kanne<br />
Irgendwo zwischen heiß und kalt<br />
Irgendwo zwischen witzig und heiter<br />
Victim und Fighter<br />
Zwischen paradoxen Parametern und Paragleitern<br />
Irgendwo zwischen Whiskey und Korn<br />
Hinten und vorn<br />
Zwischen Bullen und Demonstranten<br />
Zwischen Frieden und Zorn<br />
Irgendwo zwischen arm und reich<br />
Schwarz und weiß<br />
Zwischen Kaufsucht und Barfuß<br />
Zwischen hart und weich<br />
Irgendwo zwischen Brot und Butter<br />
Boot und Kutter<br />
Zwischen Geisteswissenschaften und „Ich fick deine Mutter“<br />
Irgendwo zwischen Grübeln und Wundern<br />
Müde und munter<br />
Irgendwo zwischen Steve und Wunder<br />
Irgendwo zwischen beiden Seiten des Podests<br />
Zwischen geil und grotesk<br />
Zwischen Schweigen und Protest<br />
Irgendwo zwischen Hulk und Schneewittchen<br />
Balg und Kindchen<br />
Frauen und Flittchen<br />
Pulp und Fiction<br />
Irgendwo zwischen Geld und der Bank<br />
Fame und verkannt<br />
Irgendwo zwischen Decke und Wand<br />
Irgendwo zwischen Mensch und Roboter<br />
Messi und Okocha<br />
Zwischen „Es geht um Connections“ und „ich mach dir ‘nen Job klar“<br />
Irgendwo zwischen Vater und Sohn<br />
Zwischen „Ich halt’s nicht aus“ und Carpe Diem<br />
Zwischen Zahlung und Lohn<br />
Irgendwo zwischen Freund und Feind<br />
Freud und Leid<br />
Zwischen Freud und Foucault<br />
Zwischen Heute und Gleich<br />
Bräucht ich noch Zeit<br />
Irgendwann zwischen gleich und jetzt<br />
Zwischen „Lass mal lieber chillen“<br />
Und von Plänen gehetzt<br />
Irgendwann werd ich irgendwo finden<br />
Mein Irgendwo um irgendwie mich selber zu binden.</p>
<p>Glaub ich zumindest.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/887/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Tempo kleine Schnecke</title>
		<link>http://blog14.net/archives/883</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/883#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 17 Jan 2012 16:24:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gedichte, Raps & Poesie]]></category>
		<category><![CDATA[Evelina]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=883</guid>
		<description><![CDATA[Mach jetzt schneller, riefen sie.
Aber ich dachte, ich hätte noch Zeit?
Zeit? - Wer hat denn heute noch Zeit?
Ich bestimmt nicht, ich auch nicht,
ja hab Wichtiges zu tun, bin stets
beschäftigt, hab keine Zeit, riefen sie.
Los schneller!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;">Mach jetzt schneller, riefen sie.<br />
Aber ich dachte, ich hätte noch Zeit?<br />
Zeit? &#8211; Wer hat denn heute noch Zeit?<br />
Ich bestimmt nicht, ich auch nicht,<br />
ja hab Wichtiges zu tun, bin stets<br />
beschäftigt, hab keine Zeit, riefen sie.<br />
Los schneller!<br />
Nicht rumtrödeln!<br />
Trödeln ist keine klug genutzte Zeit!<br />
Tempo, kleine Schnecke!<br />
So wird bestimmt nichts aus dir!<br />
Kleine, törichte Schnecke,<br />
- dachte, sie hätte noch ein bisschen Zeit.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/883/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Tassenprostitution</title>
		<link>http://blog14.net/archives/879</link>
		<comments>http://blog14.net/archives/879#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 13 Jan 2012 11:53:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Fiona]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blog14.net/?p=879</guid>
		<description><![CDATA[Vor mir der Kaffee. Stumpf ruht die Tasse auf dem Tisch, gleichgültig gegenüber den Lippen, die sich schon an das kalte Porzellan gepresst haben, dürstend, schlürfend, gierig saugend. Der schmale Henkel scheint abgenutzt, der Glanz von tausenden reinigenden Spülbädern kann mich nicht täuschen: Wie unter Glas sehe ich die einander überlagernden Fingerspuren. Durstige Menschen, abwesende Menschen, Zeitung lesende Menschen - wie aus Gewohnheit tranken sie alle schon aus dieser einen Tasse, als gehöre sie ihnen allein. Im nüchternen Licht des kleinen Cafés sehe ich hunderte unsichtbare Hände nach meiner Tasse greifen.
Ich werde nervös, zünde mir eine Zigarette an.[...] ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor mir der Kaffee. Stumpf ruht die Tasse auf dem Tisch, gleichgültig gegenüber den Lippen, die sich schon an das kalte Porzellan gepresst haben, dürstend, schlürfend, gierig saugend. Der schmale Henkel scheint abgenutzt, der Glanz von tausenden reinigenden Spülbädern kann mich nicht täuschen: Wie unter Glas sehe ich die einander überlagernden Fingerspuren. Durstige Menschen, abwesende Menschen, Zeitung lesende Menschen &#8211; wie aus Gewohnheit tranken sie alle schon aus dieser einen Tasse, als gehöre sie ihnen allein. Im nüchternen Licht des kleinen Cafés sehe ich hunderte unsichtbare Hände nach meiner Tasse greifen.<br />
Ich werde nervös, zünde mir eine Zigarette an. Blicke umher, als warte ich darauf, dass jemand anderes aus meiner Tasse trinkt. Ich kann es nicht mehr, nicht ein besitzergreifender Blick, die Hände starr auf dem Schoß verschränkt. Ich schaue so beiläufig, dass jeder sehen kann, dass die Tasse nicht zu mir gehört, nie gehört hat, sie steht nur zufällig hier. Vergessen, stehen gelassen mit einem Rest kalten Kaffees. Hier sitze ich also, auf geliehenen Stühlen, mit einer geliehenen Tasse voll von geliehenem Kaffee, den ich auf der geliehen Toilette wieder auspissen werde.<br />
Ich bin in ein Café gegangen, um mir Zeit zu leihen. Ich habe dafür bezahlt, 1,50 Euro, mich bei der Kassiererin bedankt und die Tasse genommen, mit beiden Händen. Habe dafür bezahlt, für die Dauer eines Morgenrituals so zu tun, als wäre sie mein Besitz. Ich schaue auf die blassgelben Wände, die vollgestellte Theke, den blank gewischten Boden. Eine kleine Kellnerin eilt durch den Raum. Durch die melancholische Musik, aus flachen Metallboxen gepresst, höre ich das Schlürfen aus einem Dutzend Münder, Geraschel und das Geklapper von Geschirr aus der kleinen Küche. Dort werden sie also präpariert, für ihren nächsten Einsatz, denke ich in einem Anflug von Bitterkeit. Ein verzweifelter Blick über meine Tasse hinweg zum Nebentisch. Ein junges Pärchen sitzt dort, geradewegs aus dem Bett dort niedergelassen und wirft sich muntere Wortfetzen zu. Ihre Tassen halten sie vor sich wie ein Beweisstück, immer in Mundnähe, mit beiden Händen umklammert, als könnte sie ihnen jemand wegnehmen. Wie selbstverständlich sie ihren Besitz ergreifen!, denke ich, gemietetes Porzellan, die Lippen genau am Tassenrand anlegend, dem von den Herstellern so vorgesehenen Rand. Trink! Rufen munter die umklammernden Hände, Trink! Schallt es aus den metallernen Lautsprechern. Die Tassen schweigen teilnahmslos.<br />
Ich werde ärgerlich. Die Asche fällt ungesehen zu Boden. Ich starre auf die Bedienung, wie sie sich vor und zurück beugt, lächelnd und nickend und nett, mit vollen Händen die Tassen ausgebend. Ein Geldstück als Pfand für den Genuss, in sorgsam abgesteckten Ecken stapelt sich unbeachtet das verbrauchte Geschirr. Tassenprostitution, denke ich düster. Mein eigener Tisch unter meinen eigenen Händen, kaum erkennbar, fest die dürre Zigarette umklammernd. Dort steht sie, die polierte, brütende Tasse und, als habe sie nur darauf gewartet, erreicht mich ein herrlicher Kaffeeduft. Du willst es doch auch, säuselt der Duft. Die Kaffeemaschine brummt ohne Unterlass. Die Tasse vor mir schweigt. Was tun? Die Zeitung aufschlagen, das kalte Porzellan küssen, den Kaffee wieder auspissen gehen? Trink, trink, trink&#8230;Schlürfen, klappern, guten Tag, bitte schön, der Kaffee&#8230; Die Atmosphäre verdichtet sich. Dann ein Knallen am Nebentisch. Ich zucke zusammen. Ein Geschäftsmann thront dort, in einem Ernst von Anzug, die Krawatte hängt mutlos über dem Bäuchlein, das Zeitungsblatt wellt sich schon unter dem Nachdruck des Blickes. Der Arm mit dem zu kurzen Ärmel reicht über den ganzen Tisch, bestimmt, zielstrebig, auswegslos hat die Hand den Zuckerstreuer ergriffen – und nun, mit der Grausamkeit des Gleichgültigen ergießt sich Welle um Welle in die dickbäuchige Tasse. Kleine Fäden von Zucker rotten sich am Henkel zusammen, wie Spuckefäden zittern sie leicht&#8230; und nun der Löffel. Die ganze Tasse erbebt von der Wucht des Aufpralls, ein verzagtes Klingen ertönt, langsam sammelt sich eine Kaffeelache auf der Untertasse, wässrig-braun, wie geronnenes Blut. Ich bin fasziniert und entsetzt, eine ganz neue Dimension von Missbrauch droht plötzlich hinter der morgendlichen Munterkeit des kleinen Cafés. Hunderte Male malträtiert, begossen, ergriffen, begehrt, fallen gelassen, weggestellt, gesäubert, benutzt. Von Kaffeebegehren gekennzeichnet und wieder fallen gelassen, bedeutungslos ohne Inhalt, kaltes, empfangendes Porzellan, zu reinem Missbrauch hergestellt.Ohne Sinn, ohne eigenen Ort. Eine Tasse.<br />
In einem Anflug von Wahn schmeiße ich alle Bedenken von mir, ich springe auf, der Stuhl fällt um, renne durch die Tische zur Theke, schubse die Kassiererin beiseite, befinde mich plötzlich unter Tassen, aufgereiht in Regalen, endlose Porzellanreihen, renne weiter in die Küche, tropfend und fleckig stapeln sie sich dort, übereinander in einem wirren Haufen, verkriechen sich in die Spülbehälter. Das Spülmädchen stößt einen Schrei aus, Schaum fliegt auf, als ich sie mit vollen Händen ergreife, mir in wilder hast die Tassen auflade. Die Arme voller Porzellan, schmutzigem und sauberen, voller blinder und stummer Tassen, teilnahmslos selbst gegenüber ihrem Retter, ergreife ich die Flucht. Fliehen, auf die Straße, in einen Garten, in eine andere Welt, hin zu weiten Feldern möchte ich, zu einfachen Bauernhäusern, den Tassen die Freiheit schenken, ein Zuhause geben, für jede Tasse eine liebevolle Hand, einen einzigen Mund, eine Welt voller glücklicher Tassen in der Geborgenheit eines sinnvollen Lebens&#8230;..¡Viva la revolución!</p>
<p>Aber ich tue es nicht. Nichts von alledem. Ich sitze hier und starre auf meine einsame, kleine Tasse mit dem nun schon etwas kühlem Kaffee. Arme Tasse. Ich liebe Kaffee, aber ich liebe sie nicht. Würde man Kaffee aus der Luft schlürfen können, ich würde es mit Freuden tun.<br />
Meine Hand hält immer noch den traurigen Zigarettenstummel. Langsam komme ich wieder zu Sinnen. Besitz?, denke ich nun und lächle über meinen absurden Gedanken. Langsam drücke ich meine gemietete Zigarette in dem gemieteten Aschenbecher aus. Streiche mir über mein gemietetes Jackett, schaue auf meine gemietete Armbanduhr und merke, dass meine gemietete Zeit fast um ist. Ich schaue zur gemieteten Kassiererin, die für gemietetes Geld gemietete Tassen ausgibt, dann noch einmal nach links zu dem gemieteten Geschäftsmann im gemieteten Anzug, der in die gemieteten Nachrichten vertieft ist. Dann stehe ich vorsichtig auf, nicht ohne Würde, recke mich ein wenig – und endlich, endlich ergreife ich vorsichtig meine gemietete Tasse am abgenutzten Griff und führe sie sanft zum Mund, setze genau am Tassenrand an, an dem vom Hersteller so vorgesehenen Rand, mit verständnisvollen Lippen. Nie hat mir der gemietete Kaffee so gut geschmeckt.<br />
An diesem Freitagmorgen verlässt ein gemieteter Körper ein gemietetes Café – aber mit einem echten, glücklichen Lächeln auf den kaffeewarmen Lippen.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blog14.net/archives/879/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

